Vor einigen Jahren kam ein amerikanischer Schriftsteller nach Den Haag zu Crossing Border, da eines seiner Bücher gerade auf Niederländisch erschienen war. Zufällig wusste derjenige, der ihn während des Festivals betreute, dass ich sein Werk sehr gut fand, und so wurde ich gefragt, ob ich ihn interviewen wolle. Ob das, was ich damals aufgenommen habe, wirklich ein Interview geworden ist, weiß ich nicht – die endgültige, geschriebene Fassung war viel zu lang, wir hatten uns einfach verquatscht.
Eigentlich wollte ich ihn gar nicht wegen seiner Bücher interviewen – wir haben kaum über die neue Übersetzung gesprochen. In früheren Interviews war mir aufgefallen, dass die Art und Weise, wie er über das Schreiben sprach und dachte, meinen Ansichten sehr nahe kam. Darüber wollte ich reden.
Irgendwann zu Beginn des Gesprächs sagte er:
‘Well, the main thing with writing is to develop in yourself an experience that is worthy of depiction. If you live in a city, you can maybe go back and forth between the same three locations again and again and again, and if you mapped all your movements, it would turn out that you’d describe the same route every day, again and again. And that’s not very interesting. If instead of that you are constantly going on outings to walk all around and discover the actual city that surrounds you, you put yourself in the way of fortune, and it is possible to experience new and surprising things.’
Es geht mir vor allem um den ersten Satz: ‘the main thing with writing is to develop in yourself an experience that is worthy of depiction.’ Dieser Satz sagt eigentlich aus, dass das Schreiben nicht etwas ist, was man macht, ich meine, wobei man sich an den Tisch setzt, Stift und Papier nimmt, sich eine Handlung ausdenkt.
(Natürlich, auch diese Art des Schreibens gehört dazu, auch das Sitzen, auch die Stifte. Aber damit fängt es nicht an.)
Schreiben ist vom eigenen Leben nicht zu trennen. To develop in yourself an experience. Bedeutet das nicht einfach: zu leben? Aber leben als eine Art arbeiten. Leben als Schreibarbeit.
Ich habe aus dem Schreiben mehr und mehr eine Tätigkeit des Abwartens gemacht. Nachdem mein Roman fertig war, habe ich anhand meines Tagebuchs rekonstruiert, wie der Schreibprozess verlaufen ist, und ich stellte fest, dass ich eigentlich nur an 14 Tagen wirklich geschrieben habe, von denen 8 erfolgreich waren – immer mit Pausen von ungefähr einem Monat. Was ich in der Zwischenzeit getan habe, ist schwierig zu beschreiben. Ich wartete, bis ich wieder dazu bereit war, das zu sagen, was ich zu sagen hatte. Wenn ich mit dem Gefühl wach wurde, dass es an diesem Tag gelingen könnte, habe ich alle Termine abgesagt und es getan – geschrieben.
Eine Art der Selbstausschöpfung, vielleicht.
Ungefähr einen Monat, bevor das Buch veröffentlicht werden sollte, stolperte ich über einen Essay von Marguerite Duras, L’écrit. Ich blätterte schnell durch das Buch und stieß plötzlich auf den Titel meines eigenen Romans, weshalb ich kurz stockte. (Sobald man seinen Buchtitel hat, taucht er überall auf.) Duras schreibt über das Leben, über das Schreiben, das Folgende:
‘Das Schreiben erhebt sich wie der Wind, es ist nackt, es ist aus Tinte, es ist das Schreiben, und es geht vorüber, wie nichts anderes im Leben vorüber geht, nichts mehr, nur das Leben selbst.‘