Im Mauritshaus, hier in Den Haag, habe ich ein Gemälde von Rembrandt gesehen, auf dem der mythische, griechische Dichter Homer abgebildet ist. Homer war den Überlieferungen zufolge blind, und dieses Thema wurde immer wieder aufgegriffen.
(Mir fällt gerade auf, dass der Fokus des Crossing Border Festivals auf der Literatur und der Musik liegt, weshalb man es irgendwie auch als blind bezeichnen könnte. Obwohl es immerhin einen Programmpunkt zu Graphic Novels gibt.)
Jorge Luis Borges, der schließlich selbst blind wurde, schreibt in einem Essay über Blindheit, dass er sich an das Fehlen der Dunkelheit gewöhnen musste – der Schwärze eigentlich – die wir den Blinden meistens zuschreiben. Er spricht von einem grünblauen Nebel, der ihn beim Einschlafen begleitet. Ansonsten sei ihm das Gelb „treu geblieben“. Das Rot ist ganz und gar verschwunden.
Irgendwann zitiert er Oscar Wilde, der behauptet, dass die Antike Homer absichtlich als blinden Dichter darstellt, um zu betonen, dass Poesie in erster Linie Musik ist.
(Ich versuche kurz, mich an Poesie zu erinnern oder sie mir vorzustellen, die ich vor allem körperlich hören will – wenn ihr versteht was ich meine – so wie ich abends die Musik von Pink Oculus vor allem körperlich hören kann, den Groove, also die Furche, in die man mit seinem Körper gerät. Als würde man mit den Armen zuhören.)
Borges hält Wildes Hypothese für historisch nicht ganz korrekt, aber intelektuell für um so attraktiver. Außerdem müsse man beachten, dass Homers Poesie sehr visuell sei.
Und da ist etwas dran.
Ben Lerner zitiert in einem Essay über Ekphrasis (das literarische Beschreiben von Werken anderer Künste) eine Passage aus der Ilias, worin Homer den Schild des Helden Achilles beschreibt, und zwar so ausführlich, dass man es kaum noch als realistisch bezeichnen kann – kein einziger Schild könnte so detailliert sein. (Ich erinnere mich vage daran, dass die Beschreibung selbst nicht statisch ist, es sieht so aus, als würden die Abbildungen auf dem Schild sich bewegen.)
‘The verbal,’ schreibt Lerner, ‘while pretending to give life to the visual, often transcends it: words can describe a shield we can’t actually make, can’t even paint. (Just don’t take a shield made out of words into battle.)’
Mich fasziniert folgendes: Lerner sagt nicht, dass die Beschreibung nur so tue, als wäre das Ganze bildhaft, sondern dass sie selbst den Zustand der Bildhaftigkeit übersteigt. Es ist nicht so, dass eine Beschreibung nicht bildhaft ist, sondern dass unser Vermögen, uns etwas bildhaft vorzustellen, unsere Sehkraft hinter sich lässt.
Rembrandts Gemälde von Homer scheint selbst blind zu sein, wenn man das so sagen kann – die Figur ist matt, ein Arm geht in den Hintergrund über, die Augen sind lichtlos. Die Hände schweben vor dem Körper, die rechte etwas höher, suchend, die linke scheint den Mantel festzuhalten. Zwischen den Händen befindet sich ein schwarzer Farbfleck, bei dem man nur darüber spekulieren kann, was er abbilden, was er darstellen soll. Als würde Rembrandt den Betrachter an dieser Stelle selbst blind machen. Vielleicht schreiben wir den Blinden die Schwärze nicht deshalb zu, weil wir der Ansicht sind, dass sie sie sehen, sondern weil wir glauben, damit am besten zu umschreiben, was wir uns unter Blindheit vorstellen. Wir tappen im Dunkeln, weil wir nicht wissen, was wir sehen.
Als ich den Fleck betrachtete, sah ich plötzlich in der rechten, unteren Ecke eine andere Hand, eine dritte, mit einem Stift, und einem Blatt Papier, und ich begriff, dass Homer auf diesem Gemälde gerade etwas diktiert.
Und plötzlich erschien mir Homers Blick anders als zuvor. Ich sah vor mir, was Lerner meinte, als er sagte, unser Vorstellungsvermögen lasse unsere Sehkraft hinter sich. Rembrandt malte einen spähenden Homer, einen Homer, der gerade durch seine Blindheit Schilde sehen kann, die nicht gemalt werden können. Um zusammen mit Homer diese Schilde sehen zu können, müssen wir – und in dieser Hinsicht hat Wilde Recht – in erster Linie zuhören.
Offenbart sich uns ein Gedicht vor allem dann, wenn es uns zuerst zu Blinden macht?
„Die Blindheit, die das Auge öffnet“, schreibt Jaques Derrida, „ist nicht diejenige, die die Sehkraft verdunkelt. Die offenbare Blindheit, […] diejenige, die die Wahrheit selbst der Augen enthüllt, wäre der von Tränen verschleierte Blick.“ Der Blick der Ergriffenheit vielleicht – der nicht gleich in Betrachtung verfällt, sondern zuerst fragt: Wo kommen diese Tränen nur her?