Es ist eine laue Sommernacht. Zusammen mit K. stehe ich vor der Laika Bar in Neukölln, einen Weißwein in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Noch vor wenigen Tagen war ich in Amsterdam gewesen. Fünf Tage, drei davon voll mit Presseterminen und zwei privat um die Stadt zu genießen, an den Grachten zu schlendern, 2nd-Hands zu durchstöbern und einen guten Joint zu rauchen.
„Ich liebe diese Stadt; ihre Atmosphäre inspiriert mich sehr“, sage ich zu K.
„Ich auch“, antwortet sie. „Wir sollten zusammen hinfahren.“ Sie zieht an ihrer Zigarette, pustet den Rauch aus und schaut mich erwartungsvoll an.
„Ja, das machen wir“, sage ich, noch bevor sich die Rauchwolke in der Nacht aufgelöst hatte.
Wenige Tage später sitze ich auf dem Balkon und gleiche mit K. die Termine der nächsten Wochen ab. Wir einigen uns auf Mitte Oktober. Oktober, das ist erst im Herbst, denke ich. Es scheint mir in weiter Ferne zu liegen, denn jetzt ist es Sommer und der Sommer schafft es immer wieder, mir die Illusion zu geben, er würde für immer bleiben.
Einige Wochen vergehen bis K. mich anruft und fragt ob wir nicht lieber woanders hinfahren sollten. Schließlich waren wir beide bereits mehrmals in Amsterdam und es wäre vielleicht spannender etwas Neues zu entdecken.
„Wie wäre es mit Kiew?“, frage ich. Für kaum ein anderes Reisepaar wäre die Stadt so geeignet wie für K. und mich. Wir sind beide in der Ukraine geboren und wir haben beide den Bezug zu unserem Geburtsland fast vollständig verloren. Vielleicht ist Verloren nicht das richtige Wort, denn in Wahrheit haben wir den Bezug zu diesem Land zusammen mit unserer ursprünglichen Kultur und noch ein paar anderen “Kleinigkeiten” abgegeben. An wem ist nicht so ganz klar. Was klar ist, ist, dass wir seitdem voller Stolz einen „Integriert“-Stempel auf unserer Stirn tragen.
„Nein“, sagt K. „lieber nicht. Kiew wird mir vielleicht zu viel sein. Es könnte mir zu nahe gehen, zu unberechenbar in seiner Wirkung sein. Wie wäre es stattdessen mit Wahrschau?“
„Warschau klingt auch gut“, sage ich und bedenke nicht, dass gerade Warschau für mich als Jüdin zu viel, zu nah und zu unberechenbar sein könnte.
Es ist der fünfzehnte Oktober, als wir uns um die Mittagszeit am Gleis 12 treffen. Wir haben noch genügend Zeit einen Kaffee zu trinken, bevor unser Zug abfährt.
Wir fahren erste Klasse in einem EC, der uns soviel Beinfreiheit gewährt, dass unsere Füße die Fußstützen nicht erreichen können. Außerdem werden wir am Platz bedient und so bestellen wir Pellkartoffeln mit Salat. Die Kartoffeln werden uns mit Butter uns viel Dill serviert. Dill riecht für mich irgendwie nach Kindheit und nach Ukraine. Warum servieren sie Dill? Dill passt überhaupt nicht zu Deutschland. Doch da wird mir klar, dass wir die Grenze nach Polen längst passiert haben und der Zug samt seiner Besatzung ein polnischer ist. Wie schön dass nur der Dill die Grenze zwischen den beiden Ländern markierte, keine Grenzkontrollen, keine Wachposten.
Wir erreichen die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit. Ist das Warschau? Überall riesige Leuchtreklame, LED-Bildschirme und Wolkenkratzer. So habe ich mich diese Stadt nicht vorgestellt. Die Räder unser Koffer rattern laut auf dem Bürgersteig, während wir zu unserer Unterkunft laufen.
Ich mag es sehr nachts in einer Stadt anzukommen. Im Schutz der Dunkelheit dürfen die Räder meines Koffers laut rattern und meine Augen vor Neugierde weit aufgerissen sein, ohne dass ich befürchten muss von jemandem als eine nervige Touristin gesehen und mit einem verachtenden Blick gestraft zu werden.
Bei den Menschen ist es wie bei den Hühnern. Soll ein neues Huhn im Stall integriert werden, muss es in der Nacht zu den anderen gesetzt werden. Wenn die Hühner morgens wach werden, denken sie, das neue Huhn sei schon immer da gewesen. Setzt man das neue Tier stattdessen tagsüber rein, so wird auf ihm rumgehackt.
Ich bin immer darauf bedacht, so zu wirken, als wäre ich schon immer da gewesen, egal wo ich bin. Manchmal gelingt es mir so gut, dass ich von Einheimischen nach dem Weg gefragt werde und meine Tarnung dabei auffliegt.