Um sieben Uhr früh ist es plötzlich da, das Geräusch in der Heizung des Hotelzimmers, kein unbekanntes, nein: Erst ein Klopfen, das immer schneller wird, als wäre ein verrücktes Spechtlein wie blöd am Werk, dann plätscherndes Wasser – ich glaube, ein kleines Fliessgewässer fliesst hier direkt an meinem Bett vorbei!
Am Abend zuvor, wir sassen in der Bodega de Posthoorn und assen Reis und Storchelfisch, sagte die Übersetzerin Ina Rilke, wenn sie ein Gedicht übersetze, dann müsse sie dabei vor allem auch über die Geräusche nachdenken, die ein Gedicht mache. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, welches Wort sie in jenem Moment benutzte – Geräusch kann es nicht gewesen sein, Geräusch war nur meine Übersetzung im Kopf, als ich so über dem Storchelfisch brütete.
Heute Morgen mit dem gurgelnden Fliessgewässer neben meinem Bett, gefällt mir der Gedanke, die Wörter selbst als Geräusche zu verstehen. Die unbekannten, die fremdsprachlichen Wörter aus den Mündern am Tisch in der Bodega de Posthoorn, sind in meinen Ohren vor allem Laute, Töne und Rhythmen ohne offensichtlichen Sinn. Trotzdem aber scheinen sie mir nicht unvernünftig oder sinnlos zu sein, einmal lache ich aus Versehen mit, als plötzlich alle lachen: Der Rhythmus und das Tempo der vorangegangenen Geräusche hatte mich schon darauf vorbereitet. Es ist gut, denke ich so in der Bodega, diesen Eifer alles verstehen zu müssen, einmal zu Hause zu lassen: Dort kann er warten und mich befragen, wenn ich abends spät nach Hause komme: Storchelfisch? Ja, Storchelfisch!, nicke ich überzeugt, obwohl das Wort Storchelfisch natürlich meine ganz eigene Übersetzung eines kleinen Geräuschs ist, das mir von der Kellnerin über den grossen Tisch hinweg zugerufen wurde.
Wenn Sätze, Wörter, Fremdwörter also Geräusche sind – Geräusche nicht ohne Bedeutung, nein: musikalisches Gesumme, sinnvolles Gebrumme – dann wird momentelang auch die Trennung aufgehoben zwischen Sprachlichem und Nicht-Sprachlichem, die Welt wird zum Text: Der Knopf, im Ohr der Securitydame, die mich am Flughafen mit einem Schild erwartet, dieser Knopf, der leise in ihren Kopf hinein flüstert. Das Navigationsgerät, das auf der Autobahn niederländische Wörter immer wieder vor sich hin spricht, während ich auf dem Rücksitz einen Hustenanfall bekomme, das Husten, das Bellen eines Fuchses, das Navigationsgerät, der flüsternde Knopf im Ohr der Dame. Das fehlende Geräusch der sieben Kühe am Strassenrand auf dem Weg von Schiphol Airport nach Den Haag, die Gänse, die auch scheinbar geräuschlos auf einem flachen Feld umherwackeln: Aber wir wissen, dass sie schnattern! Das Knipsen der Ticketknipser in der Strassenbahn, die Geräusche der Stadt sowieso und dasjenige des Windes in der Strasse vor Louis Couperus’ Haus. Die Geräusche in der Bodega de Posthoorn. Das Posthorn, das hornt! Der Storchelfisch, der auf dem Teller seufzt! Und später: die wenigen Geräusche zwischen den Liedern Rufus Wainwrights am Abend, ein einmaliges Räuspern, ein einsam hochklappender Sessel und dann wieder das Klavier. Die erste angeschlagene Taste: ein Geräusch, das sich dann in den Zusammenhang der Musik begibt.
Und jetzt? Das irre Spechtlein klopft noch immer in der Heizung. Versuchshalber klopfe ich einmal mit dem Knöchel zurück, aber Spechtlein lässt sich nicht beirren. Mach, was du willst, Specht!, denke ich, und springe kopfüber ins Fliessgewässer. Vielleicht schwimmt da noch ein Storchelfisch.