Thomas von Steinaecker
20. NOVEMBER 2009, 21:01
21-11-2009

Auf der Houtstrasse geht Herr Andriessen mit seinem Golden Retriever Spot spazieren. Das gelb-orangefarbene Licht der Straßenlaternen blitzt zwischen den schwarzen Bäumen hindurch. Dunst liegt in der Luft. Vereinzelt Hupen, Lachen aus den Bars. Spot nimmt eine Hockposition ein, um zu kotieren.

Währenddessen

spielt Annie Clark, die sich St. Vincent nennt, auf ihrer E-Gitarre einen Riff, drückt mit ihrem rechten Fuß einen Knopf, den Riff ist geloopt, jetzt singt sie dazu, hat eine Hand frei, löst das vorproduzierte Orgelsample aus, das sich mit einem Crescendo in das Stück hereinschleicht, und schaltet den Drumcomputer ein. Der Song erzeugt eine träumerische Atmosphäre. Der Sound der E-Gitarre ist hart, Clarks Stimme kräftig, die Harmonien und der Klang der Orgel dagegen zuckerwattenweich.

Währenddessen

einige hundert Kilometer entfernt, Waterloo. Die Reibung der Luftmassen an der Brüstung der Aussichtsplattform, die sich über den Schauplatz einer der wichtigsten Schlachten in der europäischen Geschichte erhebt, erzeugt ein pfeifendes Geräusch. Ein Rotkehlchen hebt den Kopf und steckt ihn dann zurück in sein Gefieder. Die hunderten von Touristenschuhen haben tagsüber die Knochen der französischen und preußischen Soldaten wieder einige Millimeter tiefer ins Erdreich gedrückt.

Währenddessen

schaut das sogenannte Mädchen mit dem Perlenohrring mit leicht geöffneten Lippen durch das Dunkel von Saal 16 im Mauritshuis auf den Kirchturm von Delft auf dem Gemälde des Malers gegenüber, der auch sie geschaffen hat. Alle drei Sekunden blinkt die Alarmanlage an der Decke rot auf.

Währenddessen

versuche ich mich an einen Begriff des US-amerikanischen Gegenwartsautors John Barth zu erinnern, ich denke, er lautete Cosmopsis, lautete er so?, und bezeichnete den Zustand völliger Lähmung angesichts einer Vielzahl von Möglichkeiten, oder kürzer, Entscheidungsunfähigkeit mit pathologischen Ausmaßen, ich könnte nach dem nächsten Song von St. Vincent den Waterloo-Saal verlassen und zu God Help the Girl ins Buchanan gehen oder zu Low Anthem im Royal oder nach draußen auf die Houtstrasse oder weiter St. Vincent zuhören, die mich seltsamerweise an meine Bekannte Céline erinnert, ist es möglich, dass Céline eine amerikanische Zwillingsschwester hat, von der sie mir bisher nichts erzählte oder ist das gar Céline, die ein Doppelleben führt? Ich versuche mich von diesen kindischen Gedanken abzulenken, indem ich mich weiter daran zu erinnern versuche, ob Barths Begriff Cosmopsis oder Cosmosis lautete.

Währenddessen

steht die 18-jährige Sara van den Berg unschlüssig in einem modifizierten Zimmermädchenoutfit (kurzes rosa Minikleid, schief aufgesetztes rosa Hütchen) vor der sogenannten Bücherbar im Foyer der Koninklijke Schouwburg. Die Idee der Marketingabteilung des Buchladens Paagman war es, auf dem Crossing Border Festival ihre Ware auf „ungewöhnliche” Art zu präsentieren, „irgendwie sexy”, was zu der Wahl besagten Outfits führte, in das neben drei anderen Promoterinnen an diesem Abend auch Sara van den Berg schlüpfte. In einem Bauchladen bietet sie Bücher an. Während der Konzerte befindet sich kaum jemand im Foyer. Sara van den Berg weiß nicht so recht, ob es eine kluge Entscheidung war, den Promotionjob angenommen und sich in eine vom feministischen Standpunkt aus bedenkliche Situation begeben zu haben.

Währenddessen

hat Spot sein Geschäft beendet. Fröhlich mit dem Schwanz wedelnd, folgt er seinem Herrchen, das während der schier endlosen Wartezeiten ein paar Schritte weitergegangen ist.

20. November 2009, 21:02

Thomas von Steinaecker
MONOLOG DER WORTER IM LEEREN FOYER DER KONINKLIJKE SCHOUWBURG AM MORGEN DES 22.11.2009
01-12-09

Am Anfang

Sagt man

Waren wir bei Gott

Jetzt sind wir

Jedenfalls

In aller Munde

Und überall dort

Wo es quasselt, man diskutiert, brüllt, jammert, flüstert

Lippen formen uns, spröde, voll

Und wir fliegen

Schallschnell

Ecken an

Möbel, Wände

Stoßen uns

An Bäuchen, Händen, Busen, Hälsen

Zupfen am Läppchen

Zum Eingang nah

Zur Muschel hin

durch den dunklen Gang, dort schlagen wir die Trommel, da bimmeln wir den Amboss

rutschen hui! durchs Labyrinth und rein ins

Hirn

Lassen lachen, lassen weinen, lassen Köpfe heben, antworten und so weiter

Bedenke

Nichts wäre ohne uns

Die Wörter

Hör auf

Uns

GESPRAECH ZWISCHEN DEM KLEIN- UND GROSSHIRN EINES DEUTSCHEN SCHRIFTSTELLERS W?HREND DES CROSSING BORDER FESTIVALS IM FOYER DER KONINKLIJKE SCHOUWBURG (SAMSTAG, 21.11.2009)
22-11-09

Kleinhirn : Großer, was ist los? Du brütest.

Großhirn: Also, ich amüsier mich hier eigentlich prächtig, aber …

Kleinhirn: Oje. Ich ahne, was jetzt kommt. Du kannst nie einfach nur genießen. Du musst immer irgendetwas finden, was dir nicht gefällt.

Großhirn: Hey, ich muss dir nichts erzählen, das weißt du, ja?

Kleinhirn: Na komm, Großer. Schieß los. Wo drückt der Schuh? Du weißt, ich höre dir immer zu. Du bist für die Philosophie zuständig, ich dafür, dass der Laden läuft. Also …

Großhirn: Mich stört dieser Event-Charakter des Ganzen.

Kleinhirn: Und?

Großhirn: Also, ich amüsiere mich hier prächtig, weil ich einige großartige Bands kennen gelernt habe, von denen ich sonst nie etwas gehört hätte. Aber ich habe das Gefühl, dass bei solchen Veranstaltungen die Gefahr besteht, dass der Rahmen wichtiger ist als das, was da präsentiert wird, das Bild sozusagen. Vorhin bei dem Konzert filmten alle in der ersten Reihe und guckten sich das Ganze nur durch ihr Handy an. Und das ist doch ein Phänomen, das zunehmend stärker wird, oder? Der Event-Charakter von Kunst. Wir gehen nur hin, wenn die Verpackung stimmt. Wir kaufen das Buch vor allem, wenn uns das Cover gefällt und das Autorenfoto und die Biografie des Autors – und dann, als ein Faktor unter vielen, wenn die Story und der Stil stimmen. Wir nennen Comics jetzt Graphic Novels, obwohl keiner genau sagen kann, was das bedeuten soll – aber es klingt halt cooler.

Kleinhirn: Aber so ist halt das Leben, Großer. Wir reagieren nur mal auf Oberflächenreize. Und erst dann steigen wir tiefer ein.

Großhirn: Mag sein, Kleiner. Aber ich habe eben das Gefühl, dass dieser zweite Schritt gar nicht mehr gemacht wird. Das Event feiert das Kurzzeitgedächtnis. Events stehen für die Krise der Dauer. Lass es mich mit Walter Benjamin sagen: Wir erleben heute nur noch. Aber wir erfahren nicht. Und dann das zweite Problem: Nicht nur dass z.B. bei Büchern die Gefahr besteht, dass all die Begleitumstände eines Buches wichtiger werden als das, was drin steht; was passiert denn mit jenen Texten, die sich nicht dazu eigenen, in den Zusammenhang eines sexy Events gestellt zu werden? Du weißt, dass es gerade die Bücher sind, die ich besonders gut finde, die auf den ersten Blick extrem unsexy und anstrengend wirken. Musil, Proust, und, weil wir hier in Holland sind, manches von Bordewijk.

Kleinhirn: Großer, das siehst du definitiv zu schwarz.

Großhirn: Ach du immer mit deinem Optimismus, Kleiner. Von wegen „Das Leben geht weiter” …

Kleinhirn: Naja, du hast es ja selbst gesagt: Werke oder Künstler, auf die man sonst nie aufmerksam werden würde, können doch durch so eine Rahmung, wie du es nennst, einen ungeahnten Aufmerksamkeitsschub erfahren. Außerdem setzt sich langfristig das Gute durch, meinst du nicht?

Großhirn: Die Musiker Harry Nilsson, Judee Sill, oder den Schriftsteller Hermann Broch – kennst du die? Nicht, gell? Die kennt nämlich niemand heute, obwohl die absolut genial waren. Also, dass das Gute gewinnt usw. ist meines Erachtens eine Erfindung von Kleinhirnen. Ich habe allerdings da so eine Theorie, dass es eine Lösung geben könnte.

Kleinhirn: Na, da bin ja mal echt gespannt.

Großhirn: Also: Die Entwicklung, dass wir immer mehr auf Reize reagieren, werden wir nicht aufhalten können. Du nicht und ich nicht …

Kleinhirn: Ach, dein Sinn für Humor …

Großhirn: Aber wenn das Event zum Alltag geworden ist, wird das, was bisher in keinen Rahmen passte, ein ungeahntes Interesse erfahren. Dann wird der Rahmen das Bild und umgekehrt. Events feiern das permanent Neue. Wenn alles neu ist, ist nichts neu. Stattdessen wird in diesem Moment, in einer plötzlichen Umkehr, das Komplexe, das Lang-weilige ungemein attraktiv erscheinen. Die Erfahrung wird zum Erlebnis …

Kleinhirn: Großer, ich glaube, jetzt sind bei dir endgültig einige Sicherungen durchgebrannt. Ich fände es gerade wesentlich attraktiver, zu Monsters of Folk zu gehen und dem gutaussehenden Conor Oberst zuzuschauen, was meinst du?

Großhirn: Habe ich denn eine Wahl, Kleiner? Du bist für die Bein-Sektion zuständig. Also, setz die mal ruhig in Gang. Ich denke noch ein bisschen nach …

20. NOVEMBER 2009, 21:01
21-11-09

Auf der Houtstrasse geht Herr Andriessen mit seinem Golden Retriever Spot spazieren. Das gelb-orangefarbene Licht der Straßenlaternen blitzt zwischen den schwarzen Bäumen hindurch. Dunst liegt in der Luft. Vereinzelt Hupen, Lachen aus den Bars. Spot nimmt eine Hockposition ein, um zu kotieren.

Währenddessen

spielt Annie Clark, die sich St. Vincent nennt, auf ihrer E-Gitarre einen Riff, drückt mit ihrem rechten Fuß einen Knopf, den Riff ist geloopt, jetzt singt sie dazu, hat eine Hand frei, löst das vorproduzierte Orgelsample aus, das sich mit einem Crescendo in das Stück hereinschleicht, und schaltet den Drumcomputer ein. Der Song erzeugt eine träumerische Atmosphäre. Der Sound der E-Gitarre ist hart, Clarks Stimme kräftig, die Harmonien und der Klang der Orgel dagegen zuckerwattenweich.

Währenddessen

einige hundert Kilometer entfernt, Waterloo. Die Reibung der Luftmassen an der Brüstung der Aussichtsplattform, die sich über den Schauplatz einer der wichtigsten Schlachten in der europäischen Geschichte erhebt, erzeugt ein pfeifendes Geräusch. Ein Rotkehlchen hebt den Kopf und steckt ihn dann zurück in sein Gefieder. Die hunderten von Touristenschuhen haben tagsüber die Knochen der französischen und preußischen Soldaten wieder einige Millimeter tiefer ins Erdreich gedrückt.

Währenddessen

schaut das sogenannte Mädchen mit dem Perlenohrring mit leicht geöffneten Lippen durch das Dunkel von Saal 16 im Mauritshuis auf den Kirchturm von Delft auf dem Gemälde des Malers gegenüber, der auch sie geschaffen hat. Alle drei Sekunden blinkt die Alarmanlage an der Decke rot auf.

Währenddessen

versuche ich mich an einen Begriff des US-amerikanischen Gegenwartsautors John Barth zu erinnern, ich denke, er lautete Cosmopsis, lautete er so?, und bezeichnete den Zustand völliger Lähmung angesichts einer Vielzahl von Möglichkeiten, oder kürzer, Entscheidungsunfähigkeit mit pathologischen Ausmaßen, ich könnte nach dem nächsten Song von St. Vincent den Waterloo-Saal verlassen und zu God Help the Girl ins Buchanan gehen oder zu Low Anthem im Royal oder nach draußen auf die Houtstrasse oder weiter St. Vincent zuhören, die mich seltsamerweise an meine Bekannte Céline erinnert, ist es möglich, dass Céline eine amerikanische Zwillingsschwester hat, von der sie mir bisher nichts erzählte oder ist das gar Céline, die ein Doppelleben führt? Ich versuche mich von diesen kindischen Gedanken abzulenken, indem ich mich weiter daran zu erinnern versuche, ob Barths Begriff Cosmopsis oder Cosmosis lautete.

Währenddessen

steht die 18-jährige Sara van den Berg unschlüssig in einem modifizierten Zimmermädchenoutfit (kurzes rosa Minikleid, schief aufgesetztes rosa Hütchen) vor der sogenannten Bücherbar im Foyer der Koninklijke Schouwburg. Die Idee der Marketingabteilung des Buchladens Paagman war es, auf dem Crossing Border Festival ihre Ware auf „ungewöhnliche” Art zu präsentieren, „irgendwie sexy”, was zu der Wahl besagten Outfits führte, in das neben drei anderen Promoterinnen an diesem Abend auch Sara van den Berg schlüpfte. In einem Bauchladen bietet sie Bücher an. Während der Konzerte befindet sich kaum jemand im Foyer. Sara van den Berg weiß nicht so recht, ob es eine kluge Entscheidung war, den Promotionjob angenommen und sich in eine vom feministischen Standpunkt aus bedenkliche Situation begeben zu haben.

Währenddessen

hat Spot sein Geschäft beendet. Fröhlich mit dem Schwanz wedelnd, folgt er seinem Herrchen, das während der schier endlosen Wartezeiten ein paar Schritte weitergegangen ist.

20. November 2009, 21:02

MS. Found in a Bottle
20-11-09

Mein Name ist Bunny Steiff wie Steiff, der Stofftierhersteller. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe, bevor ich auseinanderfalle oder von Fischen gefressen werde, geschweige denn ob der Kuli, mit dem ich diese Zeilen schreibe, auf dem Karton haften bleiben wird, sodass man meine Sätze entziffern kann – vorausgesetzt meine Nachricht wird überhaupt gefunden werden … doch damit verständlich wird, wie ich in diese missliche Lage kam, beginne ich von vorne. Ich erblickte das Licht der Werkshalle E, Spielzeugherstellung Steiff, Standort Giengen, am 22. August 2009. Mein Rumpfteil wurde mit Wolle und Stoff gefüllt, daran per Hand mit Stichen, die nicht weh taten, meine Arme und Beine genäht, und schließlich mein Kopf angebracht. Ich maß 20 x 12 cm (mit Ohren). Ich war komplett. Um aber offiziell als Stoffhase der Firma Steiff gelten zu dürfen, musste ich nach meiner Produktion noch die berühmten Steiff-Tests bestehen. Nur sie machen Stofftiere zu Steiff-Tieren. Mein Fell aus Alpaka, Mohair und Plüsch wurde dem Steiff-Flammentest unterzogen; Steiff-Mitarbeiter drückten mit ihren Daumen in meine Glasaugen und warfen mich mit all ihrer Kraft zu Boden, um zu gewährleisten, dass ich den täglichen Umgang mit Kleinkindern langfristig aushalten würde. Ich bestand mit Erfolg und erhielt das, wonach sich alle Stofftiere sehnen: den goldenen Knopf in meinem langen rechten Hasenohr mit dem Logo meines Erzeugers und dem Satz, der die Welt bedeutet: „Nur das Beste ist für Kinder gut genug.”

Zusammen mit über 100 Stofftierartgenossen wurde ich wenig später per Lkw an jene Orte geschickt, die wir Stofftiere als Fegefeuer bezeichnen: die Spielzeugläden. Wie lange wir dort in Regalen liegen! Wie unsicher unser Schicksal ist! Wie wird das Kind uns behandeln, dem wir geschenkt werden? Denn das sind wir: Geschenke. Wir bringen Freude. Wir bringen Spaß. Zum Glück hat die Firma Steiff verhindert, dass ihre Erzeugnisse in jenen unseligen gläsernen Apparaturen an zügigen Bahnsteigen oder Kaufhauseingangsbereichen angeboten werden, in denen Jugendliche oder Betrunkene mittels eines Kranarms nach unschön durcheinander gewürfelten

PROLOG
02-11-09

1

Was bisher geschah

Version 1: Gott schuf Himmel und Erde und bevölkerte sie mit Tieren und zwei Menschen. Adam und Eva. Nach dieser Theorie müsste es möglich sein, die gesamte Menschheit auf dieses Ur-paar zurückzuführen, Kain, Abel, Set, David, Jesus, Beethoven, Hitler, Königin Beatrix und Barak Obama. Version 2: Es vergehen ungefähr Zweidrittel der Existenzdauer des Universums, bis sich durch die Implosion einer Sonnenwolke eine weitere, im Verhältnis zur Gesamtheit der Gestirne allerdings zu vernachlässigende Anzahl von Planeten im All bildet, unter ihnen einer der Klasse S wie Small. Die Erde. Durch millionenjahrelanges Bombardement von Asteroiden sammelt sich auf ihrer erhärteten Kruste Wasser. Ungefähr derselbe Zeitraum vergeht, bis sich eine Atmosphäre gebildet hat. Nach einigen weiteren Millionen von Jahren weicht das Wasser zurück. Generationen um Generationen von Einzellern sterben bei dem Versuch, aus ihrer Heimat, den Urozeanen, über die toten, ehemals bunten, nun jedoch grauen Korallen an Land zu kriechen. Einige Milliarden ersticken, einige andere werden, als sie an die Küsten gespült werden, zerquetscht, die wenigen, die es über die Jahre ein paar Zentimeter aus dem Wasser heraus schaffen, werden von der Sonne ausgetrocknet. Sehr spät in der Geschichte des Universums beginnen Ex-Einzeller bzw. -Meeresbewohner mit Lungen Luft zu atmen und mit Beinen über die mittlerweile dicht bewachsene Erde zu krabbeln. Was dann folgt, ist eigentlich bereits die Coda bzw. der Epilog: Dinosaurier fressen sich gegenseitig auf, bis sie durch den von einem Meteoriteneinschlag aufgewirbelten Staub ersticken, aus den einzigen Überlebenden, mausgroßen Säugetieren, entwickeln sich Affen, schließlich, für vergleichsweise wenige Jahre, der Mensch.

2

Jetzt

Der junge Mann überlegt, ob er für seine Reise nach Den Haag den roten Koffer oder die blaue Tasche nehmen soll. Der Vorteil des Koffers: Er besitzt Rädchen, mit denen er kräfteschonend gerollt werden kann. Der Nachteil: Beim Treppensteigen muss man ihn mit einem Arm heben. Die blaue Tasche trägt man über die Schulter. Das ist beim Treppensteigen zwar einfacher; die Schäden an der Schulter könnten jedoch langfristig zu einem Bandscheibenvorfall führen. Der junge Mann denkt: Wer will das schon? Kaum vorherzusagen ist das Wetter im Norden Mitte November, d.h. in drei Wochen, d.h. in einer halben Ewigkeit. Das bedeutet eigentlich, dass nur kurzfristig gepackt werden kann, sodass sich die Entscheidung roter Koffer oder blaue Tasche bis zuletzt herauszögern wird. Der junge Mann denkt: Dann waren die Überlegungen diesbezüglich eigentlich Zeitverschwendung, ich habe zwei Minuten meines Lebens mit unnötigen Gedanken verbracht, Gedanken, die ich ohnehin in drei Wochen noch einmal haben werde, wenn ich mich endgültig entscheiden muss, ja, dieser ganze Gedankenstrom gerade ist eigentlich völlig unnötig, da verfrüht und wegen der Unvorhersehbarkeit des Wetters hinfällig. Der junge Mann ärgert sich kurzzeitig.

3

Und in der nächsten Folge

Der junge Mann muss sich entscheiden. Wie wird er sich entscheiden? Was denken Sie? Die Betrachtung des Bildes „Das Mädchen mit dem Perenlohrring” des Malers Vermeer wird seltsame Erinnerungen in dem jungen Mann auslösen. Schweißausbrüche! Angst! Gefühlsverwirrung! Da bringt ein Konzert der Band Yo La Tengo eine unerwartete Wendung der Dinge. Freude! Erleichterung! Minutenlanger Glückszustand! Hat Spinoza Recht? Besteht die Welt aus einer Substanz namens Gott? Der junge Mann macht sich auf die Suche nach der Beantwortung dieser Frage. Außerdem: Leidenschaft! Enttäuschung! Vergessenheit! Sowie: Escher.