„Alle meine Jungs sind Kämpfer wie Manilla, alle meine Jungs streben nach ‘ner Mille.“
Es ist die erste Botschaft, die mir hier in meiner Muttersprache mitgeteilt wird. Sie wird begleitet von Gedröhn, einer wenig inspirierenden Melodie; wenigstens ist sie tanzbar. Sie hat ihren Ursprung in einem Geschäft namens ROX, das mit bezahlbarer Damenbekleidung handelt, die vermutlich mit der derzeitigen Mode konform geht. Ich habe hier nichts verloren, bleibe aber trotzdem vor dem Schaufenster stehen, und in Erwartung von etwas, das nicht eintrifft, analysiere ich den Liedtext. Versuche ich mir vorzustellen, wie Jungs in der philippinischen Hauptstadt kämpfen? Oder ist es so ein Schulbeispiel dafür, wie Menschen Variationen aus der gleichen Sprache benutzen und Bedeutungen in Übersetzungen verloren gehen, wie ein amerikanischer Dichter einst sein Handwerk beschrieb? Manilla im Südniederländischen – Flämisch wäre abwertend… – wird im Nordniederländischen zu Mandela und verleiht dieser noch immer ziemlich trivialen Botschaft etwas mehr Sinn.
Ich habe mich verirrt.
Auf den Stufen des Hotels tranken Jugendliche Bier und reichten Joints weiter, begleitet von Wortspielen. Sie haben das Spui erobert, wissen, wohin sie gehen müssen, um sich wie zuhause zu fühlen. So richtet sich der Mensch sein Leben ein. Durch das Treffen von Entscheidungen und diese mit Argumenten zu verteidigen, die ihm Seelenfrieden garantieren. Gewohnheitstiere. Ich esse bei BK und nicht bei Mäckes, weil… Weil ich es gewohnt bin. Zuhause in Brüssel saß ich auf dem Sint-Kathelijneplatz, weil… Weil jemand mal damit angefangen hatte. Jetzt mache ich es nie mehr anders.
Dort, damals, in einer Zeit, die weniger weit zurückliegt als es höchstwahrscheinlich der Fall ist, widmete ich mich denselben Freizeitbeschäftigungen wie die Jugendlichen hinter dem Mercure Hotel, wo ich vom Platz aus das Licht in meinem Zimmer brennen sehen kann, fünfter Stock, zweites Fenster von links. Wer wollte, könnte schlussfolgern, dass sich gar nichts verändert hat und der Großteil meines Lebens noch immer aus dem Zeittotschlagen in Gesellschaft von Freunden oder Alkohol besteht. Doch ich weiß, dass ich mich dadurch von ihnen unterscheide, nicht mehr über dieselbe Sorglosigkeit zu verfügen. Ich stehe vor Entscheidungen. Was ist mein Ziel? Wie verkrafte ich meinen Schmerz? Wo soll ich hier in Den Haag meine Ausfallsbasis errichten? Was wird hier mein Stanny, mein Au Laboureur oder De Raaf? Wo soll ich einen Verzweiflungsversuch unternehmen, mich niederzulassen?
Genau wie in Brüssel ist auch hier ein Grote Markt. Sie teilen dieselben Charakteristiken in Anbetracht der Kopfsteinpflaster, beheizten Cafés, Legenden, Erbgut, Bier vom Fass, die Liste lässt sich noch weiter anfüllen. Hier, auf dem Platz, dessen Name so vertraut klingt, gehe ich in einer Kneipe vor Anker, die September heißt und der ich den Vorzug gebe, weil das Grolsch hier genauso schlecht schmeckt wie bei der Konkurrenz und der neunte Monat derjenige ist, in dem ich geboren wurde. Weil mir in diesem Jahr lediglich Mist beschert wurde, spendiere ich mir eine Auster, da die hier weniger kosten als ein Pils. Ich kaufe doch noch Pils, um die Auster herunterzuspülen, und frage mich, was Menschen wohl denken, die mich in einer Kneipe sehen, die sie bevorzugen, während andere sie verabscheuen. Wer ist dieser Mann, der seine Mütze anbehält, mithört, auf niemanden wartet und nirgendwo hinzumüssen scheint? Er vertritt eine sonderbare Zurückgezogenheit. „Seine Entscheidung“, beschließen sie fast sofort. Eine, die er mit unwiderlegbaren Argumenten wie „es ist so“ vertritt und mit der wir uns, der Einfachheit halber, abfinden müssen.