Mit den Helden ist das ja so eine Sache. Manche Helden sind einfach Helden und werden für alle Zeiten Helden sein; Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Superman zum Beispiel. Odysseus wiederrum ist für die einen Held (Griechen) und für die anderen ein hinterlistiger Fuchs (Trojaner). Gewisse Gestalten wie Obama oder Lance Armstrong sind eine Zeit lang Helden, bis sie ihren Zauber verlieren. Und dann gibt es noch die persönlichen Helden. Die Helden der Kindheit sind wahrscheinlich andere, als die, zu denen man als Erwachsener aufschaut, und was mir gestern passierte, war, dass ich binnen einer Stunde einen neuen Helden fand und einen alten verlor.
Oft sieht man sich auf Literaturfestivals Auftritte eher ‚beiläufig‘ an, weil man die Ankündigung interessant findet und reinschauen will, ohne jedoch einen besondere Beziehung zum Auftreten zu haben; und in solch einer Stimmung saß ich vor Michail Schischkin, war indifferent, was da wohl passierte, hoffte nur, dass er nicht allzu viel über den Inhalt seines Buches reden würde, denn ich finde nichts langweiliger, als wenn Autoren über den Inhalt ihrer Bücher reden (mich eingeschlossen). Doch als er zu reden begann, war ich fasziniert. Schischkin gehört zu einer aussterbenden Gattung von Schrifstellern: ein großer epochaler Erzähler und gegenwartskritischer Intelektueller. Einer mit klarer Meinung zu den Dingen. Deutsche Autoren werden zurecht kritisiert, wie die fetten Kühe an nichts außer dem nächsten Buchpreis und den Bundesliga-Ergebnissen interessiert zu sein. Schischkin war eine Erleuchtung; wie der Schriftsteller als einer, der Fragen beantworten möchte, auch außerhalb des literarischen Elfenbeinturms eine wichtige Rolle für die Gesellschaft einnehmen kann.
Ich hatte einen neuen Helden gefunden und freute mich umso mehr, einen Langzeit-Helden in live zu erleben; Paolo Giordano. Ich war über Jahre hinweg schwer beeindruckt, wie er es schaffte, in seinem jungen Alter so viele Leser mit seinen Geschichten zu verzaubern. Doch in live war da kein Zauber. Da war ein eingebildeter Italiener, der redete, als stünde er unter schwerem Drogeneinfluss und der es für notwendig hielt klarzustellen, dass der fünfjährige Sohn seiner Frau, ‚in seine Villa‘ zog und nicht er zur Familie seiner Frau. Ich weiß nicht, ob ich ihm Unrecht tue. Vielleicht war er ja sympathisch und sagte auch kluge Sachen, vielleicht konnte ich es nur nicht hören, weil vor ihm einer klügere Sachen sagte. Weil Familienanekdoten aus dem Alltag eines ehemaligen Physikers, der sich aber nicht für die Kometenlandung interessiert, weil sein Debütroman Fünf Millionen Bücher verkaufte, banal klingen, nachdem jemand das Dilemma russischer Intellektueller an der Schwelle zum dritten Weltkrieg erklärte.
Nun, das ist vielleicht die Gefahr von Literaturfestivals; dass alte Helden entzaubert werden. Aber da sist wahrscheinlich auch das Geschenk von Festivals; neue Helden zu finden.
Und nach der Veranstaltung lernte ich einmal wieder, dass ich nie Heldin sein werde, mir fehlt der Mut. Im Royal Theater waren so viele Menschen, dass ich Platzangst bekam und nach draußen laufen musste. Das war zwar schade, weil es für mich das Ende des Abends bedeutete, aber gleichzeitig freute ich mich riesig darüber; denn bitte wie toll ist es, wenn man bei einer Literaturveranstaltung Platzangst bekommt? Das bedeutet schließlich, Literatur ist laut, Literatur ist lebendig, Literatur bewegt Menschen. Und das ist doch die Aufgabe eines Helden, oder?