Als ich den schweren Hotelzimmervorhang zur Seite zog, wusste ich nicht, ob es Tag oder Nacht war. Die Uhr am Handy sagte, es sei kurz nach acht, der Himmel draußen sah aus, als würde er gleich zu Boden fallen. Wobei, das stimmt so nicht, der Himmel selbst war gar nicht zu sehen, sondern nur eine dicke, große, grau-braun-schwarze Wolkendecke, die grummelte, grollte und Wasserfontänen goss. Mein Hotelzimmer zeigte auf einen großen weiten Platz, dort klammerten sich Menschen an ihre Schirme, dicke Schals und feste Mäntel verbargen Gesichter und ausnahmsweise war kein einziger Fahrradfahrer zu sehen. Eigentlich das perfekte Literaturwetter.
Und auch wenn der Himmel über Den Haag das anders sah, für mich schien die Sonne. Der Abend brachte nämlich eine ganz tolle Begegnung; ich konnte erstmals meinen Lektor und andere Herzen von De Arbeitspers, meinem niederländischen Verlag, kennenlernen. Und vor allem; meinen Übersetzer Kor de Vries. Wir hatten eine sehr intensive Zusammenarbeit, die über fast ein Jahr ging, und es war total aufregend, ihn nun endlich persönlich kennenzuleren. Und ja, er ist genauso witzig, wie ich mir das vorgestellt hab. Übersetzung (ganz egal ob Text oder Buch) bedeutet ja immer auch loslassen. Wenn man die Zielsprache nicht muttersprachengleich beherrscht, ist es schwer zu sehen, was genau jemand anderes mit dem eigenen Text tut, wie der Text ankommt, geschweige denn zu verfolgen, wie sein weiterer ‚Weg‘ verläuft. Das beste ist also, ÜBersetzer zu haben, denen man total vertrauen kann, wie es bei Kor war, wie es bei Elli & Mara ist.
Abseits dessen beinhaltete der ganze Tag ein schreckliches Problem; wieso mussten alle Autoren, die ich unbedingt erleben wollte, genau parallel zur Präsentation von The Chronicles auftreten? Wieso, Ihr olympischen Götter? Was wollt Ihr mir damit sagen?, ging es mir schon den ganzen Tag durch den Kopf. Ich haderte vor allem, dass der Autor meines heurigen Lieblingsbuches zeitgleich mit uns auftreten sollte. Nickolas Butlers Debütroman Shotgun Lovesongs war für mich das Leseerlebnis des Jahres. Ich hätte ihn zu gerne persönlich erlebt, einfach gewusst, wie er redet, wie er sich bewegt, wie er denkt, wie seine Stimme klingt.
Und wahrscheinlich wäre ich noch vier Tage lang sauer gewesen, das verpasst zu haben, wenn nicht unser Auftritt total schön geworden wäre. Ich fühlte mich plötzlich wieder klein, wie damals, bevor ich meinen Roman veröffentlicht hatte. Seit mein Buch ein Bestseller wurde, finden meine Lesungen ja eher auf großen Bühnen statt, meistens vor mehr als hundert Zuschauern und dauern circa einhalb Stunden – insofern war es ein total niedliches Erlebnis, plötzlich im Rahmen einer ‚Werkschau‘ aufzutreten, wo kurze Ausschnitte und Mini-Interviews dem Publikum präsentiert wurden, als wären wir eine Musikschulklasse, die am Ende des JAhres den Eltern vorspielt, was wir gelernt hätten. So, als hätte es die letzten Jahre meines Lebens gar nicht gegeben. Eine witzige Zeitreise.
Doch das große Highlight des Abend sollte noch kommen. Mein Liebster, der beste Mann der Welt, der, um mich zu sehen, sogar nach Den Haag reiste, schrieb mir ein Sms: Komm dorthin, wo die Bücher verkauft werden. ICh hab ihn gefunden. Ich war sofort total nervös, eilte in das Foyer des Königstheaters und tatsächlich; da stand mein Liebster – zusammen mit Nickolas Butler. Es wurde ein langer, langer Abend, unfassbar tolle Gespräche mit dem sympathischsten Autor, den ich je kennengelernt hab.
Und genau das ist ja das tolle an Literaturfestivals: wenig schlafen, viel trinken, irre Inputs, tolle Erlebnisse und Bekanntschaften, die einen ein Leben lang begleiten.
Danke, an das tolle Crossing-Border-Team, für die Einladung zu diesem großartigen Festival, für diese irre Gastfreundschaft und ein Wochenende, an das ich mich auf ewig erinnern werde.