Als ich am Tag nach dem Festival morgens meine Tasche packte, fiel mir das Fehlen meines Schals auf.
Oder eher, „mein” Schal.
Er ist, oder war (ich weiß nicht, welches Tempus ich hier verwenden muss) von Annemarie. Ich habe sie am Abend meiner Buchpräsentation in einem Café in Amsterdam kennengelernt, als ich die ganze Zeit eindrucksvoll vor mich hin hustete, da ich immer den richtigen Zeitpunkt verpasse, um meinen Wintermantel herauszuholen, und mir deshalb eine Erkältung eingefangen hatte. Annemarie saß neben mir und bestellte einen Grog – dieses Getränk kannte ich nicht, es ist ein Gemisch aus heißem Wasser, Honig, Orangensaft und Rum. Außerdem: gut für den Hals, sagte sie. Wir kamen ins Gespräch und als sie ging, gab sie mir ihren Schal.
Den habe ich seitdem getragen – aber jetzt war er weg.
Mir fällt gerade die Ähnlichkeit zwischen dem Übersetztwerden und diesem Erlebnis auf. Man verliert einen Text, der sowieso nicht ganz von einem selbst stammt (die Sprache, in der man schreibt, muss man erst einmal bekommen), und sucht ihn an den Orten, an denen man gewesen ist.
Man findet ihn wieder, oder auch nicht, und vielleicht ist er nicht mehr genau derselbe. Man findet „seinen“ Schal, „seinen“ Text.
Während des Übersetzungsprojekts im Rahmen von The Chronicles stolperten wir über einen Vergleich mit einem Spatz, der im Deutschen so nicht funktionierte. Ich verglich etwas mit einem Spatz, da es „nichts Besonderes“ war und ein Spatz – im Niederländischen jedenfalls – ein Sinnbild der Alltäglichkeit ist. Nicht, dass Spatzen im Deutschen etwas Besonderes sind, aber sie haben mehr Charakter, es klingt eine gewisse Frechheit mit, die im Niederländischen fehlt.
Wie übersetzt man das? Indem man aus einem Spatz mehrere macht? Indem man ein anderes Wort für „Spatz“ verwendet? Indem man einen anderen Vogel auswählt?
Ich dachte: Als ob der Spatz in meinem Satz während des Übersetzens emporfliegt, und man darauf warten muss, was zurückkommt.
(Und auch: Dass man seine eigene Sprache erst in solchen Momenten kennenlernt. Dass man keine Ahnung hat, welche Sätze typisch Niederländisch sind, merkt man erst, wenn man sie nicht in einer anderen Sprache wiedergeben kann. „Typisch“ Niederländisch sind alle Unterschiede zusammengenommen: die Unterschiede zum Deutschen, zum Französischen, zum Russischen, zum Japanischen, zum Zulu, zum Portugiesischen.)
Gut, genug davon.
In der Hotellobby, wo wir abends noch gesessen hatten, fanden sie nichts. Obwohl es nicht gerade auf dem Weg lag, ging ich danach zum Ort der Aftershowparty (mit Silent Disco) zurück und fragte nach einem gebundenen Schal.
– Der hier?
Eine Frau hielt einen matt-rosafarbenen Schal hoch. (Kurz wollte ich nicken). Ich verneinte, meiner war grau.
Schade.
Halt, warte mal – ich war gerade auf dem Weg zur Tür, als sie sagte, sie sehe hinten im Schrank mit den Fundsachen noch etwas. Der Schrank war schwarz, deshalb habe sie den Schal zuerst nicht gesehen.
Hurra, „mein” Schal!
Ja, wir müssen unsere Schals aneinander verlieren! Unsere Schals und unsere Handschuhe, unsere Mäntel (und unsere Gedanken, und Fragen, und Gemütszustände)! Und die lassen wir dann wieder abhandenkommen, ohne es zu merken. Wenn es uns dann auffällt, gehen wir dorthin zurück, wo wir sie zuletzt gesehen haben. Verlieren, finden, verlieren, finden. Wieder und wieder und wieder.