Bis zum Strand dauert es zu Fuß eine Stunde, und ich beschließe dorthin zu gehen, weil ich den Strand hasse, dieses Ziel werde ich niemals erreichen, eben weil ich den Strand hasse.
Auf meinem Weg wurde eine Einkaufsstraße für die Ankunft eines Heiligen abgesperrt, den sie hier und zuhause ‚De Sint‘ nennen. Es regnet und weht, wie unaufhörlich in den letzten Tagen, doch darunter leidet das Interesse nicht. Kinder warten mit Eltern unter Regenschirmen und sehen schlecht geschmückte Prunkwagen vorbeirollen. Aus Lautsprechern erschallen schrille Lieder einer aus Knecht Ruprechten bestehenden ‚Pietenband‘. Sie halten es mit den Worten: „Was immer auch kommt, alles wird gut“, und wir glauben ihnen. Der Zug plätschert im Tempo der Bauchfüßer vorwärts und geht am Ende der Einkaufsstraße, die sicher einen halben Kilometer lang ist, noch weiter. Ich sehe keinen Heiligen. Ich sehe dafür kleine Esel mit Körben, Schleichwerbung, Mandarinen, Smartphones, weiße Menschen mit schwarzgefärbten Gesichtern, die Ruß suggerieren sollen. Auch wenn sie keine Brände löschen, sind die ‚Zwarte Pieten‘ als Feuerwehrmänner verkleidet, und in einem kleinen Zug ist eine Fanfare zu sehen. Ein einziger ‘Zwarte Piet’ manövriert sich auf einem Segway durch die Massen. Dort sind Kinder, für die die Welt noch etwas Wunderbares hat, dort sind Menschen, die heute durch die Brille der Kinder schauen. Habe ich schon gesagt, dass es regnet?
Ich bin jetzt seit vier Tagen hier. Was sich mal länger, mal kürzer als das hier anfühlt. Meine Kleider liegen verstreut auf einem roten Sessel. Es gibt einen Schreibtisch, der durch ein Fenster von der Dusche getrennt wird, was Fantasien nährt. Zwischenzeitlich habe ich diese Stadt als mein Zuhause bezeichnet, auch wenn ich mir von ihr noch immer kein Bild machen kann. Den Haag, ein Begriff, den ich nur aus den Radionachrichten kenne. Eine Ortsbestimmung in Artikeln und eine Stadt, wo Probleme weltlichen Ausmaßes gelöst werden müssen. Bei Letzterem kann ich mir genauso viel vorstellen wie bei der Stauung im Waaslandtunnel aus denselben Nachrichten. Aber hey, dafür kenne ich blind die Strecke vom Hotel zum Theater, finde das Schlemmer – wo wir gute Abläufe feiern und David Vann beim Tanzen auf etwas abgeht, das vermutlich Amphetamine sind – in der Mitte. Vann nickt mir zu, und für einige ist diese Anerkennung ihres Daseins etwas Beneidenswertes, das vom ‚Sint‘ geküsste Kind. In dieser von einer Organisation, mithilfe von Eintrittspreisen und Subventionen, geschaffenen Illusion besitzt die Literatur Format und entsteht eine unsichtbare Hierarchie, in der Scheinwerfer aus Menschen Helden machen. Für diesen Ausnahmezustand bin ich ihnen dankbar.
Es regnet noch immer beklemmende Aussichtslosigkeit, als ein Vakuum dem Erscheinen eines transponierten Autors eine Atempause gönnt. Er besitzt den Flair eines Britpopsängers mit einer Anhängerschaft von Teenieherzen, eine dazu passende Eleganz, aber darüber hinaus einen vertrauten Akzent. Manchmal brauchen Fremde nicht mehr als einen ungekünstelten Eröffnungssatz, um zu wissen, was sie einander bedeuten können. Daraufhin Schulterklopfen, Anekdotik, ein gemeinsamer Arbeitsberater, eine Brüsseler Kommune, Aktualität, eine Einladung, nach Athen zu kommen, der Satz: „Es erschien mir im Traum.“
Es sind diese kleinen Details, die mir den Mut geben, morgen dasselbe wie gestern zu machen und besessen weiter in diesem großen, unübersichtlichen Ganzen zu wühlen. Als Sklaven unserer Erfahrungen haben wir an unserer Vergangenheit zu tragen. Ende.
Putzfrauen wechseln Bettwäsche und leeren Plastikeimer. Hinter Rücken schließen sich Türen mit einem Klicken und der irrealen Ambition, jemals wieder von derselben Person geöffnet zu werden. In der Lobby machen sich Leute gegenseitig Dinge weis: Wir halten Kontakt, ich maile dir noch, es war mir ein Vergnügen, viel Erfolg. Aber wie in der Literatur werden die Ausreden gemeint und geglaubt. Nach mehr suche ich nicht.