Dorothee Elmiger
Altamont
20-11-2010

Im letzten August lag ich einmal fiebrig im Bett. Vor dem Fenster pfiffen die Vögel ständig hellwach und grell, so schien es mir. An einem dieser Fiebertage sah ich den Film Gimme Shelter, der das Konzert der Rolling Stones beim Altamont Speedway dokumentiert: Dezember ’69 und die Leute erreichen den Norden Kaliforniens aus allen Himmelsrichtungen zu Fuss und in Bussen, sie tragen Decken über den Schultern, Seesäcke und Feuerholz, sie setzen sich auf die Hügel und warten und irgendwann betreten dann die Rolling Stones die Bühne. An den Rändern der Bühne die Hells Angels, die für Sicherheit sorgen sollen – einer verdreht ganz irr die Augen mit einem entsetzlichen Lachen, ich erinnere mich, ein bad trip. Das Konzert endet damit, dass ein junger Mann in einem hellgrünen Anzug von Alan Passaro, Hells Angel, mit einem langen Messer erstochen wird, als die Band gerade Under My Thumb spielt. In meinem Fiebertaumel war ich ganz benommen danach, von diesem Konzert, das ganz wahnsinnig war, gefährlich und wild, das vor allem keiner ersichtlichen Ordnung folgte, ein anarchischer Tumult zwischen diesen karg bewachsenen Wüstenhügeln.

Gestern sass nun an einem Tisch in der Koninklijke Schouwburg Sam Cutler, er war 1969 Tourmanager der Rolling Stones gewesen. Nun hat er ein Buch geschrieben über diese Zeit, damals. Er trägt schwere Ringe an der Hand und ich bin erstaunt, dass dieser Sam Cutler so munter da auf der Bühne sitzt und doch schon 1969 munter erlebt hat, was für mich als Spätgeborene weit entfernt in der Geschichte liegt.

An Altamont muss ich an diesem Abend auch später hin und wieder denken, muss ich sowieso oft denken, wenn ich in Konzerthallen stehe. Manchmal machen sie mich wütend oder vielleicht auch nur müde, die Konzerthallen und die damit verbundenen Rituale, die jedes Mal wieder reproduziert werden – vom Betreten des Raumes bis zum letzten Applaus – jedes Mal neu hergestellt oder inszeniert vielleicht: als grosses Spektakel. Manchmal wünschte ich mir, dass die Choreografie der Scheinwerfer für einen Moment aussetze, dass etwas Unerwartetes geschehe (Ich erinnere mich an Scout Niblett, die die Bühne einmal nach vier Lieder wieder verlassen hat), dass das Publikum ein paar Stühle zertrümmere oder einmal kurz zögere vor dem nächsten Applaus wenigstens, dass ein Verwegener auf die Bühne klettere und irgendetwas ins Mikrophon rufe.

Das Konzert beim Altamont Speedway ist vielleicht ein schlechtes Beispiel dafür. Die Hells Angels mit ihren angespitzten Billardstöcken, die versunkenen Gesichter, dann die weitaufgerissenen Augen, dieses besinnungslose Tohuwabohu hat mich damals in meinem sommerlichen Dämmerschlaf erschreckt. Trotzdem sind mir heute oft jene Augenblicke am liebsten, in denen das perfekte Spektakel gestört wird, für eine kurze Zeit unterbrochen – so wie es auch im Theater dann am spannendsten ist, wenn ich mir nicht sicher bin, ob eine Schauspielerin gerade ihre Rolle spielt oder sich selbst, wenn der Souffleur ein Wort in den stillen Raum flüstert. Ein kleines Stolpern in der Inszenierung ab und zu.

Und als ich also gestern Abend so grübelte und zum Hotel schlenderte, an Altamont dachte und an Scout Niblett, an Sam Cutler, und die Hells Angels, an das Jahr 1969 und an das Jahr 2010, an die schönen Konzerte an diesem Abend, als ich über die Anzahl möglicher Kombinationen der weissen, roten und gelben Scheinwerfer nachdachte und darüber, ob diese ritualisierten Handlungen in einem direkten Zusammenhang stehen mit dem Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit (ja, sehr philosophisch war ich gesinnt so spät des Nachts!), dachte ich auch, dass vielleicht der beste Moment des Abends jener war, als Jesse Malin & The St. Marks Social ihre Instrumente stimmten, ab und zu ein paar Wörter in die Mikrophone brüllten und eins, zwei Mal aufs Schlagzeug eindroschen zum soundcheck, tchak tchak tchak. Ihre Frisuren waren irgendwie cool und überhaupt waren sie cool, die Kragen hochgeschlagen und so. Das war eine kleine Show vor der Show, eine zufällige, ungeplante und alle gaben dabei ihr Bestes. Es wäre auch ganz einfach gewesen, verwegen auf die Bühne zu klettern und etwas ins Mikrophon zu rufen, ich hatte schon die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt, aber dann war der Moment auch schon wieder vorbei.

Alle verhalen van Dorothee Elmiger
Keep the bloody racket down
29-11-10

keep the bloody racket down

the bloody train is bloody late
you bloody wait you bloody wait
you’re bloody lost and bloody found
stuck in fucking chickentown
(John Cooper Clarke, Evidently Chickentown)

 

Oft habe ich in den letzten Tagen an John Cooper Clarke und seine Frisur gedacht. Das klingt merkwürdig lustig, aber ich meine es ganz ernst.

Am Abend nach meiner Abreise aus Antwerpen stand ich irgendwann am Bahnhof von Appenzell, weit im Osten der Schweiz, es lag Schnee und war schon fast ganz dunkel, es war ausserdem sehr still. Ich erinnerte mich an dieser Stelle an ein fast verlorenes Gefühl, es hatte mit dem Bahnhof in diesem kleinen Dorf meiner Kindheit zu tun, mit der Erwartung an die Züge, dass sie mich irgendwo hin bringen, weg weg weg, wo Menschen seien und Dinge geschähen, es hatte mit einer Unruhe zu tun und mit der Idee, dass nicht weit von hier womöglich Vieles anders wäre.

Seit ich nicht mehr dort lebe, sondern irgendwo, beschleicht mich dieses Gefühl immer seltener, dabei ist es ein unerlässliches: es meint die Unzufriedenheit mit der Wirklichkeit, es ist eine grosse Beschwerde über Ordnung und Ruhe, wie diejenige John Cooper Clarkes: the bloody neighbors bloody moan/keep the bloody racket down/this is bloody chicken town.

Seit Evidently Chickentown im Jahr 1980 ist John Cooper Clarke älter geworden, ich bin in der Zwischenzeit erst geboren, trotzdem habe ich ihn gleich erkannt: Ich sah ihn in Den Haag einmal an einem Tisch sitzen, er hielt eine Gabel in der Hand. Ich sah ihn einmal, er stand auf einer Bühne und trug in einem Plastikbeutel seine Gedichte, auf losen Zetteln notiert. Ich sah ihn einmal am Bühnenrand, er hatte die Beine übereinandergeschlagen und nickte im Takt. Ich hatte ihn gleich erkannt wegen seiner Haare, tumultös waren sie und wiesen in alle Himmelsrichtungen. Ganz unmöglich, dass sie dies von selbst tun, die Haare, dachte ich, und das gefiel mir wirklich ausnehmend gut: John Cooper Clarke, der jeden Tag aufsteht und auf seinem Kopf dieses Chaos anrichtet, diese grosse Beschwerde über die Ordnung oder die Wirklichkeit und dass er dies seit langer Zeit immer tut, seit unzähligen Jahren und noch immer, dieser John Cooper Clarke. Es scheint, als hätte er sich bis heute geweigert, sich der Ordnung ganz hinzugeben und zu widerrufen, was er einst gedacht: Er ist immer noch da.

In der Nacht vor drei Tagen stand ich dann an einer Bar; ein Fest hatte stattgefunden um der  Ordnung etwas entgegenzustellen oder besser: dieser Angst vor der Unordnung, die in der Schweiz um sich greift, die dumpf und hämisch werden lässt und sich immer gegen jene richtet, die man selbst scheinbar nicht ist. Es war schon spät, die Musik spielte nur mehr leise, einige wenige standen noch im Raum und ich wartete auf den ersten Zug am Morgen, zurück nach Chickentown. Vielleicht, dachte ich einmal, könnte einen umgekehrt eine solche Frisur auch davor bewahren, der Ordnung zu verfallen, aber ganz sicher war ich mir nicht.

Zuletzt auf jeden Fall an diesem Abend, es war nur noch ein Schluck Whisky im Glas und der Zug würde bald fahren, hörte ich plötzlich seine Stimme über die Lautsprecher: Oh!, dachte ich, John Cooper Clarke ist auch noch da.

Interview mit einem Dichter
21-11-10

Theodor Emil Geer sitzt neben mir im Bus nach Antwerpen. Er trägt eine blaue Strickjacke und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Ein Dichter! Vor den Fenstern: ein Kran, die obersten Etagen der City Hall heute leer weil Sonntag, vor klar blauem Himmel und ja, ein Vogel, direkt von der See her geflogen. Der Bus dreht noch eine Runde einmal ums Hotel und fährt dann fort und aus der Stadt hinaus.

Elmiger: Theodor Geer, Ihr Nachname klingt niederländisch.
Geer: Da haben Sie recht. Aber nein, ich komme aus dem Land der Eidgenossen, missus!
Elmiger: Wie fühlen Sie sich jetzt, da Sie sich in der Europäischen Union befinden?
Geer: Oh, ganz gut. Meine wichtigsten Wertsachen habe ich sowieso zu Hause gelassen. Und gestern Abend wurde mir ein feines Stück Kuchen serviert, angeblich aus hundert dünnen Schichten gebacken.
Elmiger: Es lässt sich also auch im europäischen Ausland gut leben.

Geer antwortet nicht und schaut wiederum etwas wehmütig aus dem Busfenster. John Cooper Clarke und Mister Cutler ziehen gerade in der hintersten Reihe ihre Stiefel aus und pfeiffen ein Lied auf ihren Kämmen.

Elmiger: Und nun, Crossing Border. Was sagen Sie dazu?
Geer: Nun, was mir gefällt, das ist der frühe Morgen über der City Hall. Ausserdem ein Lied mit Namen I Get Low, das hat die Band Timber Timbre in der Duitse Kerk gespielt. Mir haben die vier jungen Herren gefallen, die gestern spät wie von Sinnen in einer Loge getanzt haben und die schöne Stimme einer jungen Dame. Sie sang in einer Band, die heisst Ich bin Eiche, so ungefähr. Ich –
Elmiger: Theodor Geer, sprechen sie jetzt als Dichter oder als Privatperson?

Geer zieht aus seinem Rucksack einen Plastikbeutel, der gefüllt ist mit kleinen Kuchenstücken. Draussen ein Fliessgewässer. Jemand hatte mir am Vorabend erzählt, es wäre das letzte natürliche Habitat des Storchelfisches.

Geer: Sie haben Glück, dass mich dieser zuvor erwähnte Kuchen so gnädig stimmt. Ihre Frage zeugt von einer gewissen Ignoranz: Es gibt nun doch eben gerade diese Trennung nicht zwischen der Welt und der Literatur!
Elmiger: Meine Frage sollte ja –
Geer: Bitte, Frau Elmiger. Entweder lassen Sie mich nun Ihre Frage beantworten oder ich muss Sie bitten, mich in Ruhe meinen Kuchen essen zu lassen. Also. Was mir gefällt, wie bereits gesagt: dieser Kuchen, I Get Low, die Herren aus der Loge und die Frau in den Ästen der Eiche. Weiter auch die Stille im kleinen Gärtchen hinter der Kuchentheke, die Pancakes für Zwergen, die zum Frühstück immer serviert werden. Storchelfische. Das Kabelgewirr, das so unverständlich da liegt, wie man es sich immer vorstellt, doch selten selbst zu Auge bekommt und immer weiter sich windet durch die Gänge, über Treppen hinab, in die Wände hinein, ja: In den Kabeln surrt doch ein Bienenschwarm! Weiter: Die gute Luft im Koorenhuis. Ein  nächtlicher Spaziergang über den Platz auf das blaue Hotel zu und über mir ein Satellit: Gut’ Nacht, gut Nacht!
Ich hoffe, das reicht nun. Ich bin erschöpft und das Leben ist kurz. Mister Cutler zieht schon seine Stiefel wieder an und da, da ist Antwerpen, Mademoiselle.

Altamont
20-11-10

Im letzten August lag ich einmal fiebrig im Bett. Vor dem Fenster pfiffen die Vögel ständig hellwach und grell, so schien es mir. An einem dieser Fiebertage sah ich den Film Gimme Shelter, der das Konzert der Rolling Stones beim Altamont Speedway dokumentiert: Dezember ’69 und die Leute erreichen den Norden Kaliforniens aus allen Himmelsrichtungen zu Fuss und in Bussen, sie tragen Decken über den Schultern, Seesäcke und Feuerholz, sie setzen sich auf die Hügel und warten und irgendwann betreten dann die Rolling Stones die Bühne. An den Rändern der Bühne die Hells Angels, die für Sicherheit sorgen sollen – einer verdreht ganz irr die Augen mit einem entsetzlichen Lachen, ich erinnere mich, ein bad trip. Das Konzert endet damit, dass ein junger Mann in einem hellgrünen Anzug von Alan Passaro, Hells Angel, mit einem langen Messer erstochen wird, als die Band gerade Under My Thumb spielt. In meinem Fiebertaumel war ich ganz benommen danach, von diesem Konzert, das ganz wahnsinnig war, gefährlich und wild, das vor allem keiner ersichtlichen Ordnung folgte, ein anarchischer Tumult zwischen diesen karg bewachsenen Wüstenhügeln.

Gestern sass nun an einem Tisch in der Koninklijke Schouwburg Sam Cutler, er war 1969 Tourmanager der Rolling Stones gewesen. Nun hat er ein Buch geschrieben über diese Zeit, damals. Er trägt schwere Ringe an der Hand und ich bin erstaunt, dass dieser Sam Cutler so munter da auf der Bühne sitzt und doch schon 1969 munter erlebt hat, was für mich als Spätgeborene weit entfernt in der Geschichte liegt.

An Altamont muss ich an diesem Abend auch später hin und wieder denken, muss ich sowieso oft denken, wenn ich in Konzerthallen stehe. Manchmal machen sie mich wütend oder vielleicht auch nur müde, die Konzerthallen und die damit verbundenen Rituale, die jedes Mal wieder reproduziert werden – vom Betreten des Raumes bis zum letzten Applaus – jedes Mal neu hergestellt oder inszeniert vielleicht: als grosses Spektakel. Manchmal wünschte ich mir, dass die Choreografie der Scheinwerfer für einen Moment aussetze, dass etwas Unerwartetes geschehe (Ich erinnere mich an Scout Niblett, die die Bühne einmal nach vier Lieder wieder verlassen hat), dass das Publikum ein paar Stühle zertrümmere oder einmal kurz zögere vor dem nächsten Applaus wenigstens, dass ein Verwegener auf die Bühne klettere und irgendetwas ins Mikrophon rufe.

Das Konzert beim Altamont Speedway ist vielleicht ein schlechtes Beispiel dafür. Die Hells Angels mit ihren angespitzten Billardstöcken, die versunkenen Gesichter, dann die weitaufgerissenen Augen, dieses besinnungslose Tohuwabohu hat mich damals in meinem sommerlichen Dämmerschlaf erschreckt. Trotzdem sind mir heute oft jene Augenblicke am liebsten, in denen das perfekte Spektakel gestört wird, für eine kurze Zeit unterbrochen – so wie es auch im Theater dann am spannendsten ist, wenn ich mir nicht sicher bin, ob eine Schauspielerin gerade ihre Rolle spielt oder sich selbst, wenn der Souffleur ein Wort in den stillen Raum flüstert. Ein kleines Stolpern in der Inszenierung ab und zu.

Und als ich also gestern Abend so grübelte und zum Hotel schlenderte, an Altamont dachte und an Scout Niblett, an Sam Cutler, und die Hells Angels, an das Jahr 1969 und an das Jahr 2010, an die schönen Konzerte an diesem Abend, als ich über die Anzahl möglicher Kombinationen der weissen, roten und gelben Scheinwerfer nachdachte und darüber, ob diese ritualisierten Handlungen in einem direkten Zusammenhang stehen mit dem Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit (ja, sehr philosophisch war ich gesinnt so spät des Nachts!), dachte ich auch, dass vielleicht der beste Moment des Abends jener war, als Jesse Malin & The St. Marks Social ihre Instrumente stimmten, ab und zu ein paar Wörter in die Mikrophone brüllten und eins, zwei Mal aufs Schlagzeug eindroschen zum soundcheck, tchak tchak tchak. Ihre Frisuren waren irgendwie cool und überhaupt waren sie cool, die Kragen hochgeschlagen und so. Das war eine kleine Show vor der Show, eine zufällige, ungeplante und alle gaben dabei ihr Bestes. Es wäre auch ganz einfach gewesen, verwegen auf die Bühne zu klettern und etwas ins Mikrophon zu rufen, ich hatte schon die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt, aber dann war der Moment auch schon wieder vorbei.

Spechtlein und Storchelfisch
19-11-10

Um sieben Uhr früh ist es plötzlich da, das Geräusch in der Heizung des Hotelzimmers, kein unbekanntes, nein: Erst ein Klopfen, das immer schneller wird, als wäre ein verrücktes Spechtlein wie blöd am Werk, dann plätscherndes Wasser – ich glaube, ein kleines Fliessgewässer fliesst hier direkt an meinem Bett vorbei!

Am Abend zuvor, wir sassen in der Bodega de Posthoorn und assen Reis und Storchelfisch, sagte die Übersetzerin Ina Rilke, wenn sie ein Gedicht übersetze, dann müsse sie dabei vor allem auch über die Geräusche nachdenken, die ein Gedicht mache. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, welches Wort sie in jenem Moment benutzte – Geräusch kann es nicht gewesen sein, Geräusch war nur meine Übersetzung im Kopf, als ich so über dem Storchelfisch brütete.

Heute Morgen mit dem gurgelnden Fliessgewässer neben meinem Bett, gefällt mir der Gedanke, die Wörter selbst als Geräusche zu verstehen. Die unbekannten, die fremdsprachlichen Wörter aus den Mündern am Tisch in der Bodega de Posthoorn, sind in meinen Ohren vor allem Laute, Töne und Rhythmen ohne offensichtlichen Sinn. Trotzdem aber scheinen sie mir nicht unvernünftig oder sinnlos zu sein, einmal lache ich aus Versehen mit, als plötzlich alle lachen: Der Rhythmus und das Tempo der vorangegangenen Geräusche hatte mich schon darauf vorbereitet. Es ist gut, denke ich so in der Bodega, diesen Eifer alles verstehen zu müssen, einmal zu Hause zu lassen: Dort kann er warten und mich befragen, wenn ich abends spät nach Hause komme: Storchelfisch? Ja, Storchelfisch!, nicke ich überzeugt, obwohl das Wort Storchelfisch natürlich meine ganz eigene Übersetzung eines kleinen Geräuschs ist, das mir von der Kellnerin über den grossen Tisch hinweg zugerufen wurde.

Wenn Sätze, Wörter, Fremdwörter also Geräusche sind – Geräusche nicht ohne Bedeutung, nein: musikalisches Gesumme, sinnvolles Gebrumme – dann wird momentelang auch die Trennung aufgehoben zwischen Sprachlichem und Nicht-Sprachlichem, die Welt wird zum Text: Der Knopf, im Ohr der Securitydame, die mich am Flughafen mit einem Schild erwartet, dieser Knopf, der leise in ihren Kopf hinein flüstert. Das Navigationsgerät, das auf der Autobahn niederländische Wörter immer wieder vor sich hin spricht, während ich auf dem Rücksitz einen Hustenanfall bekomme, das Husten, das Bellen eines Fuchses, das Navigationsgerät, der flüsternde Knopf im Ohr der Dame. Das fehlende Geräusch der sieben Kühe am Strassenrand auf dem Weg von Schiphol Airport nach Den Haag, die Gänse, die auch scheinbar geräuschlos auf einem flachen Feld umherwackeln: Aber wir wissen, dass sie schnattern! Das Knipsen der Ticketknipser in der Strassenbahn, die Geräusche der Stadt sowieso und dasjenige des Windes in der Strasse vor Louis Couperus’ Haus. Die Geräusche in der Bodega de Posthoorn. Das Posthorn, das hornt! Der Storchelfisch, der auf dem Teller seufzt! Und später: die wenigen Geräusche zwischen den Liedern Rufus Wainwrights am Abend, ein einmaliges Räuspern, ein einsam hochklappender Sessel und dann wieder das Klavier. Die erste angeschlagene Taste: ein Geräusch, das sich dann in den Zusammenhang der Musik begibt.

Und jetzt? Das irre Spechtlein klopft noch immer in der Heizung. Versuchshalber klopfe ich einmal mit dem Knöchel zurück, aber Spechtlein lässt sich nicht beirren. Mach, was du willst, Specht!, denke ich, und springe kopfüber ins Fliessgewässer. Vielleicht schwimmt da noch ein Storchelfisch.

Das Ueberqueren der Ebenen, das Ueberschreiten der Grenzen
10-11-10

I am in Tucson, Arizona, on the border, schreibt eine Freundin. Ich bin in Bremen, schreibe ich, vor dem Fenster seit dem frühen Morgen nur graues Halblicht; es ist nicht weit bis zur See, und nicht viel mehr als hundert Kilometer liegen zwischen dieser Stadt und der nächsten Grenze.

Du hast recht, es ist Zeit, die Lampen zu montieren, schreibt ein Freund aus der Schweiz. Er spricht vom nahenden Winter, aber er spricht auch von etwas anderem: vom Überschreiten der Grenzen, vom Überqueren der Ebenen, von der Initiative der rechten Schweizer Partei SVP, die Migranten und Migrantinnen in Zukunft noch unkomplizierter aus dem Land verbannen will.

In der Zeitung ein Kommentar eines niederländischen Soziologen zu Geert Wilders und seinen Freunden, zu Grenzen und Willkür.

Und meine Freundin in Tucson, sie ist manchmal stundenlang unterwegs in der Wüste auf der Suche nach jenen, die auf dem Weg von Mexico nach Arizona, beim Überschreiten der Grenzen, verschwunden sind.

Die Debatte hier in der Schweiz hat erneut eine scharfe, aber vom Gefühl her ja immer somnambule Wendung genommen, in dem Sinn, dass eine Mehrheit mittlerweile zu glauben scheint, es gäbe diese Unterscheidung zwischen Schweizern und Ausländern tatsächlich und ein Leben lang, schreibt der Freund aus der Schweiz, und die Menschenrechtsaktivistin Anni Lanz schreibt über Migration als eine Form des Widerstands der Armen gegen ungleiche Macht- und Besitzverhältnisse, sie spricht von Krieg gegen die Armen, und ich erschrecke, wie ich so diesen Wörter gegenübersitze an einem unauffälligen Samstag nachmittag, obwohl oder weil sie so genau zutreffen.

Ich hingegen überschreite die Grenzen unbekümmert, bin geboren in der Schweiz und kurzerhand ausgewandert, weggezogen ins Nachbarland, mit unbeschwerter Zuversicht liess ich mich nieder, stellte einen Tisch in eine Küche, mein Bett in ein anderes Land. Vor einigen Tagen habe ich die Tickets erhalten für die Reise nach Den Haag. Es ist einfach für mich, was so schwer ist für andere als wären sie gemeingefährliche Feinde in einem Krieg.

Und wo spielt jetzt die Musik? Sollen wir unsere Trompeten überhaupt auspacken und unsere Bässe, unsere Bleistifte, Notizzettel und Computer? In Arizona haben Bands ihre Konzerte abgesagt, fällt mir ein, als der Staat im April die verschärften Einwanderungsbestimmungen mit dem Namen Arizona Senate Bill 1070 verabschiedete, Sonic Youth, Conor Oberst, The Coup.

Aber zuweilen können Musik und Literatur vielleicht immerhin ein paar Lücken finden im Zaun: Das wäre gut!, denke ich: Ha! Auf dass die Musik sich nicht aufhalten lasse und die Wörter weitergegeben werden, mit der stillen Post, per Büchsentelefon, auf allen möglichen Wegen. Ist der Ort der Musik nicht immer genau derjenige, an dem sie stattfindet? Und das Übersetzen der Wörter – diese Verwandlung von einer Sprache in die andere, das Überqueren der Ebene im Kopf und auf dem Papier, das Überschreiten der Grenzen ist dann im besten Fall vielleicht eine Auseinandersetzung mit Land und Ausgangspunkt, es ist ein ausgedehnter Spaziergang weg von der Nation, durch lustige Wälder stattdessen, es ist die plötzlich erhellte Aussicht von einem Hügel weit über der Wipfelgrenze, es ist das Nachdenken über die Grenze als Konstrukt, das Grübeln über die Muttersprache und das sogenannte Vaterland, das unvermittelte Erkennen, dass man sich gleichzeitig an einem Ort befinde mit vielen anderen: Du hast recht, es ist Zeit, die Lampen zu montieren in den Weiten der Ebene, über den Schreibtischen, überall.