Olga Grjasnowa
06-10-2015

Im Moment genieße ich noch die letzten Sonnentage in Berlin und frage mich jeden Tag wann der Herbst in den Winter übergehen wird. Täglich wird es kälter, womit dies in Berlin in diesen Tagen durchaus auch die soziale Kälte miteinbezieht. Deutschland möchte nicht teilen, und schon gar nicht mit Neuankömmlingen. Dies wird ihnen und uns mittlerweile an jeder Straßenecke und Zeitungsschlagzeile vor die Augen geführt.

Umso mehr freue ich mich auf das bevorstehende Festival. Es ist eine wundervolle Gelegenheit viele Freunde wiederzusehen, neue zu finden, spannende Lesungen und Konzerte zu besuchen. Die Erwartungen sind natürlich sehr hoch, aber das ist etwas Gutes. Zumindest in diesem Fall ist es unwahrscheinlich, dass man enttäuscht wird. Ausgerechnet dieses Festival hat durchaus etwas von einer Klassenfahrt, viele Freunde, ausgezeichnete Lesungen und Bands, die ich schon immer sehen wollte und große teenagerhafte Vorfreude. Ja, ich kann es auch kaum erwarten wieder in die Niederlande zu reisen, im letztem Jahr hatte ich die Gelegenheit einen Monat lang im Amsterdam zu verbringen – auf die Einladung des Nederlands Letterenfonds – es war unglaublich. Einer der schönsten Frühlinge meines Lebens, einer in dem der Sommer noch bevorstand und noch besser zu werden versprach. Nicht nur die großartige Wohnung mitten in der Stadt, sondern auch die wundervolle Betreuung durch Orli Austen, meine Übersetzerin Josephine Rijnaarts und meinem niederländischen Verlag De Bezig Bij haben diesen Monat für mich zu einer einzigartigen Erlebnis gemacht. Es ist nur schade, dass es nach dem Wochenende schon wieder vorbei sein wird. Das Gute ist, dass wir alle satt erlebnisssatt zu unseren Heimen zurückkehren werden.

Obwohl es schon zu kalt ist, sitze auf meinem Balkon und schaue auf die Bäckerei „Teehaus Baku“. Mit Baku oder gar Aserbaidschan hat der Laden jedoch kaum etwas zu tun – er bietet ausschließlich türkische Backwaren, die von einem Lieferwagen mit der Aufschrift „Backservice Hass“ jeden Morgen um fünf geliefert wird, und die eine oder andere Bretzel an. Selbst die Brötchen kann man an der Hand abzählen. Als ich einmal nach Pachlava, der aserbaidschanischen Spezialität schlechthin fragte, schaute die Verkäuferin mich entgeistert an. Wahrscheinlich hat sie mich für eine unverbesserliche Optimistin gehalten. In Amsterdam gab es in einer ruhigen Nebenstraße von meiner  temporären Wohnung eine winzige Bäckerei, die nichts außer einer Art von Schokoladenkeksen herstellte, deren Geschmack unheimlich köstlich war. Auch die Bäckerei „Damaskus“ ein paar Häuser weiter von unserer Berliner Wohnung wurde zu einem privaten Wohnzimmer umfunktioniert, ohne dass jemand das auf die Süß- und Backwaren verweisende Schild abmontiert hätte. Ironischerweise könnten diese Referenzen nicht offensichtlicher sein – Baku, die Stadt meiner Kindheit, die noch existiert, aber nicht mehr so, wie ich sie kenne und Damaskus, die Stadt meines Mannes, die schon längst dicht gemacht wurde. In unserer Straße ist ohnehin vieles Fassade.

Meine Tochter, für die die Reise nach Den Haag die erste Reise ins Ausland überhaupt sein wird, wurde allerdings in diesem Stadtviertel geboren. Noch gibt es für sie keine Vergangenheit, die in einer anderen Sprache und auf einem anderen Kontinent stattgefunden hat. Das Gemüse hat immer ein wenig fad, eben wie das deutsche Gemüse es so an sich hat, geschmeckt und der auch der Himmel war meistens gräulich trüb. Sie wird sich nicht darüber wundern, dass das Bordell nebenan diskret um Kunden wird und das thailändische Massagestudio in ihrem Schaufenster vor allem darüber Auskunft, dass drinnen keine Erotik stattfinde. Viele Anwohner unseren Blocks sitzen abends vor einem rumänischen Delikatessenwarenladen auf der Straße, knacken Sonnenblumenkerne und erfreuen sich an sehr sauber gekleideten und ganz und gar entzückenden Kindern. Dazwischen rasen amerikanische Künstlerinnen auf Rennrändern zu ihren Projekten. Was wahrscheinlich die beste Art der Fortbewegung in dieser Stadt ist, nur habe ich leider ganz unniederländisch Angst vor Fahrradfahren in den Großstädten. Der Verkehr in unserer Straße wird von einem einzigen Verkehrsmittel dominiert, dem Bus M41. Dieser Bus ist die Höhle, er verkehrt äußerst unregelmäßig, ist dementsprechend natürlich auch immer überfüllt, hat die unmenschlichsten und unfreundlichsten Busfahrer der gesamten Republik und ein verzweifeltes Klientel. Doch schon bald werde ich in die M41 steigen, meinen Koffer zwischen die Knie anderer Fahrgäste klemmen und zum Flughafen fahren.

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26-11-15

In Den Haag wurde ich 31 Jahre alt, merkwürdigerweise ist der 31gste Geburtstag viel schwerwiegender als der 30gste. Im Zuge des Älter-Werdens habe mit meiner Tochter eine meiner prägendsten Kindheitserinnerungen simuliert. Wir haben uns gemeinsam einen Zeichentrickfilm angeschaut. Der sowjetische Zeichentrickfilm Chipollino wurde nach dem Kinderbuch von Gianni Rodari (Le avventure di Cipollino ) 1961 gemalt. Regie führte Boris Dezkin. In Chipollino (von ital. Chipolla – Zwiebel) werden gesellschaftliche Verhältnisse dialektisch aufgearbeitet, verkörpert durch Obst und Gemüse.

In einem fernen Königreich tobt der Klassenkampf zwischen dem Gemüse und den Früchten. Chipollino, die fröhliche working class Zwiebel, tritt während einer Militärparade versehentlich Prinz Zitrone auf den Fuß. Chipollinos alter, gebrechlicher Vater nimmt die Schuld auf sich und wird sofort ins Gefängnis geworfen. Die Gerüchte im Königreich bauschen sich auf, die „Alte“ Zwiebel habe ein Attentat geplant, ein gefährlicher Terrorist sei er, der weggesperrt und nie mehr rausgelassen gehört. Was Chipollino indessen am meisten zu schaffen macht, ist, dass sein Vater von Verbrechern umgeben wird. Doch dieser entgegnet ihm während eines Gefängnisbesuches seelenruhig: „Ach wo, das sind hier alles ehrliche Menschen.“

Weitere Ungerechtigkeiten folgen, die Hütte, in der Kürbis wohnt, wird konfisziert, da sie angeblich illegal gebaut wurde. In sie wird ein Wachhund gesetzt, der alle verdächtigen Personen zu melden hat. Das Gemüse radikalisiert sich, Kürbis und andere Freunde von Chipollino gehen in den Untergrund. Mit Hilfe einer List gelingt es ihnen sogar, die Hütte von Kürbis wieder zu erobern und im Wald zu verstecken, auch Chipollinos Vater wird aus dem Gefängnis befreit. Prinz Zitrone und sein Handlanger Tomate verschärfen die Kontrollen und starten eine Großfahndung, die durchaus Züge der heutigen Rasterfahndung trägt. Aus dem Ausland wird ein berühmter Fahnder eingeladen und der Adel (Kirschen) flieht vorsorglich aus dem Königreich. Chipollino und seine Helfer werden geschnappt, genau wie viele Unschuldige Bürger auch. Musiknoten werden mit der Begründung, sie seien verschlüsselte Nachtrichten konfisziert und Kürbis Hütte im Wald entdeckt. Nebenbei bemerkt: Die großartige Musik zum Film stammt von Karen Surenowitsch Chatschaturjan, einem Schüler Schostakowitschs.

Die adligen Kirschen sind zwei ältere Jungfer, die gleich siamesischen Zwillingen oder eben doch Kirschen am Kopf zusammengewachsen sind. Ihr Neffe, die kleine Kirche ist ein sensibler, schmaler und gutgläubiger Junge in kurzen Hosen. Natürlich verrät er seine Tanten und schlägt sich auf die Seite der Revolution. In einer griechischen Tragödie würde er für diesen Verrat bitter büßen, Freud wäre noch genauer auf seine Tanten eingegangen, doch der Kommunismus belohnt ihn einfach nur.

Natürlich geht alles gut aus und gut bedeutet in diesem Fall – Weltrevolution und der Aufbau einer neuen, gerechteren Gesellschaft. Die Tomate platzt, die Kirchen bleiben im Ausland und alle bauen. Ich hatte schon immer etwas gegen die kleine Zwiebel und ich denke bereits seit mindestens einem Vierteljahrzehnt darüber nach, was es sein könnte. Die kleine Kirsche hatte schon immer meine vollste Sympathie, vielleicht weil er so zerbrechlich und intellektuell aussieht, der Held dagegen nur grob. Vielleicht wirkt er einfach weniger bedrohlich. Trotzdem habe ich den Zeichentrickfilm schon an die vierzig Mal gesehen und kurz vor dem Happy End ist meine Tochter eingeschlafen.

16-11-15

Ich habe gestern lange über den Gegensatz zwischen einem Literaturfestival und einer Buchmesse nachgedacht, weshalb man nach einem Festival gut gelaunt ins Flugzeug steigt und sich nach einer Buchmesse am liebsten umbringen würde. Ich liebe Literaturfestivals, aber auch Buchhandlungen und Bibliotheken. Meine Mutter hat mich mit Büchern gefüttert – sie waren Nahrung und das Fundament meiner Erziehung: Als ich neuen war, gab sie mir Feuchtwanger, mit zehn Balzac und Hašek, später Kafka und Zweig. Feuchtwanger ersetzte in unserem Haushalt religiöse Erziehung und ich befürchte, dass ich zu viel von Stefan Zweigs „Brief einer Unbekannten“ über Liebesbeziehungen lernte. Heute Morgen, stieg ich zusammen mit der Legende Abraham B. Jehoshua in den Bus zum Flughafen und konnte mein Glück gar nicht fassen. Neben ihm zu sitzen war surreal. Mit ihm zu sprechen noch mehr.

Buchmessen sind allerdings eine Sache für sich. Meine These ist, dass es um dort am wenigsten um Literatur geht, zumindest nicht auf der größten Messe in Frankfurt. Hier werden Auslandsrechte verhandelt, Preise verteilt und neue Trends ausgemacht. Agenten und Verlegen flüstern einem immer wieder zu, dass dies definitiv der falsche Ort für Autoren sei. Ich fürchte, sie haben nicht gänzlich Unrecht. In Frankfurt geht es vor allem ums Geschäft, und das ist mit Belletristik nicht zu machen.

Buchmessen sind ungesund, ermüdend und hervorragend konsumierbar. Man lernt hier keine Literatur kennen, sämtliche Lesungen finden im Vorbeigehen statt. Die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer beträgt selten mehr als 10 Minuten. Dennoch ist eine Messe, genauso wie ein Festival auch so etwas wie ein großer Abenteuerspielplatz mit einem Hauch von Klassenfahrt. Man trifft jedes Jahr wieder auf Leute aus der ganzen Welt, die ausländischen Verleger, Agenten, Buchhändler und Journalisten. Auf den Gängen verabredet man sich zu Kaffee oder zum gemeinsamen Besuch einen der zahlreichen Empfänge oder Partys. Gegen Ende der Messe werden die Nächte immer kürzer, die Augenringe dunkler und man selbst immer alberner. Die traditionelle jüdische Abschiedsfloskel am Ende des Pessach-Seders lautet: „Nächstes Jahr in Jerusalem“ – aus der Buchmesse kann man sich relativ sicher sein, einander auch im nächsten Jahr wieder zu begegnen.

Ein sehr deutsches Detail ist zudem der Überschuss von Manga-Kids – sowohl in Frankfurt als auch in Leipzig schieben sich ganze Schare von Jugendlichen in selbstgenähten Manga-Kostümen durch die engen Gänge. Zugegebenermaßen ist ihr Anblick manchmal grotesk, die besten Situationen ergeben sich, wie so oft in den Schlangen vor den Damentoiletten – pummelige Teenager bemalen ihre Körper mit blauer Farbe, richten ihre Hobbitsohren und Plastikschwänze neben schlanken älteren Damen, die ihre Lippen mit Chanellippenstiften nachzuzeichnen und versuchen die Jugend in philosophische Gespräche über Fantasy zu verwickeln. Was sie auf der Buchmesse machen, kann ich leider nicht erklären: Früher wurde jedem Kostümierten frier Eintritt gewährt, das drückte das Durchschnittsalter in den Statistiken.

Dies war ein großartiges Festival, und ich möchte mich bei all den Menschen bedanken, die dieses Erlebnis möglich gemacht haben und meine Texte wundervoll Tag für Tag übersetzten.

14-11-15

Endlich! Das Festival hat angefangen und erinnert tatsächlich an eine gelungene Klassenfahrt. Wobei ich an meine Schulzeit keine allzu guten Erfahrungen habe und auch die Klassenfahrten fast aus meinem Gedächtnis verdrängt habe. Die Institution Schule schafft unglaublich viele Demütigungen, Misserfolge und Identitätszweifel. Die Klassenfahrt verspricht immer einen kleinen Ausbruch aus dieser Sinnlosigkeit.

In Den Haag ist es besser. Viel besser. Alle fünf Minuten trifft man in der Lobby einen alten Bekannten, man grüßt sich, umarmt einander und freut sich aufrichtig. Da gibt es die großartige Nini Harataschwili, die letztes Jahr ein einmaliges und herausragendes Buch veröffentlicht hat, „Das achte Leben” erzählt ein ganzes Jahrhundert russischer, sowjetischer und georgischer Geschichte am Beispiel der Familie Jaschi, in der sich sowohl Regime-treue Kommunisten als auch Dissidenten tummeln. Mehrere Genrationen scheitern an sich selbst, den unterschiedlichen Systemen, der Familie und der Liebe. So werden auch die wenig aufgearbeiteten Jahre in Georgien der 1990ger Jahre in diesem Buch erzählt. Wie viele Epochen in der Geschichte des Kaukasus war es ein dunkles Kapitel, das noch weit davon ist, erforscht oder gar neutral beschrieben worden zu sein. Leider ist es auch die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, weshalb mir dieses Buch so sehr am Herzen liegt. Das Buch ist schonungslos ehrlich, historisch wahrhaftig und gut recherchiert. Nino Harataschwili vermag nicht nur Gefühle und Mentalitäten zu vermitteln, sondern auch geschichtliche Fakten, die gerne und vor allem in unserer Zeit unter den Teppich der Erinnerung gekehrt werden.

Etwas ähnliches gelingt es auch dem nicht minder großartigen Nir Baram. In seinem letzten Buch beschreibt er das Leben unter dem Nationalsozialismus als auch unter dem Stalinismus. Vor allem der „russische“ Teil hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Eine Szene in der eine junge Tcheka-Mitarbeiterin, die gezwungen wurde die eigene Familie zu verraten, befragt einen ehemaligen Freund ihrer Eltern in der Zentrale des Sicherheitsdienstes – er soll gestehen. Doch stattdessen übergießt er ihre Hand mit kochend heißem Wasser.

Und dann Sasa Stanisic! Phänomenale und perfekte Bücher, die mich nicht mehr loslassen und meine Mutter sogar zu Tränen rührten, sei es die Geschichte vom jungen Alexander, der den Krieg in Bosnien durchlebt oder der wundervolle Roman „Vor dem Fest“, der einen einzigen Tag eines Dorfes in der Uckermark beschreibt. Nicht zu vergessen die großartigen Kurzgeschichten von Karen Köhler und der erste schöne Roman von Mirna Funk.

Natürlich ist es alles nicht, im Hinblick auf die Ereignisse der letzten Nacht in Paris oder in Beirut in der Nacht davor, oder in ganz Syrien und Bagdad heute morgen. Natürlich herrscht nun auch hier in Den Haag eine ganz andere Stimmung. Auch der Himmel ist nicht mehr strahlend blau, wie in den Tagen davor, sondern regen-grau.

13-11-15

Wenn man Mutter wird durchläuft man mehrere Metamorphosen, physisch natürlich, aber auch psychisch. Man geht an Grenzen, von deren Existenz man noch nicht mal geahnt hat. Doch es gibt eine, mit der ich zwar gerechnet hatte, deren Heftigkeit mich aber dennoch überrollt hat: Die Metamorphose der arbeitenden Frau. Es fängt mit Lektor*innen an, die Sätze sagen wie: „Wir haben hinter deinen Namen erst mal ein Fragezeichen gesetzt, jetzt, wo du schwanger bist“, über Moderator*innen die bei Lesungen feststellen, dass man natürlich nicht mehr schreibt, da wo man ein kleines Kind zu Hause hat. Veranstalter*innen, die Sätze heraushauen wie: „Na ja, bei der Veranstaltung geht es ums Networking, da musst nicht hin, dreh doch eine Runde mit dem Kinderwagen.“ Passiert es auch Männern? Eher nicht. Ich werde für meinen nächsten Eintrag eine repräsentative Umfrage unter den Vätern dieses Festivals durchführen, aber ich denke, in ihrem Fall ist es eher süß und niedlich, dass sie sich um die Kleinen kümmern. Manch einer lässt sich dann sogar dazu hinreißen, dem Kind über den Kopf zu streicheln. Zum Glück lassen die meisten nun von Bonbons ab.

Ein Literaturfestival ist natürlich ein Extrem (man darf endlich den besagten Kinderwagen schieben und womöglich einen anderen treffen) – und wie in jedem Fall gibt, es auch hier Gute, wo man mit einem Kind herzlich empfangen wird und als Autorin wahrgenommen wird. Wo das Kind nicht gegen das Geschlecht aufgerechnet wird. Dann gibt es natürlich die weniger gelungenen Fälle, Festivals, von denen man am liebsten sofort wieder abreisen würde und ganz sicher gar nicht erst gekommen wäre, wenn man vorher gewusst hätte, dass man ohnehin an keinem Abendessen und keiner Veranstaltung teilnehmen sollte, da man die Gruppendynamik störe. Der neue kanadische Premier sagt, es sei 2015, ich befinde mich gerade in den 50gern. Ich weiß nicht, woher diese Idee kommt, dass man bei der Geburt Gehirnzellen verliert. Ich weiß nicht, weshalb man noch immer versucht, Frauen zu entmündigen, wenn es um das Thema Mutterschaft geht, entweder wenn sie keine Kinder haben, keine Kinder wollen, oder welche haben und dann arbeiten oder eben nicht. Aber ob sie arbeiten und wie viel, das kann man auch noch locker für die Frau entscheiden. Nur das Elterngeld oder die Lände des Mutterschutzes darf sie sich nicht aussuchen.

Eines ist sicher, man wird komisch betrachtet, wenn man Kinder hat, so als ob man sich ins soziale und berufliche Sibirien verabschiedet hätte und wenn man keine hat, als ob man sich ins soziale und ethische Sibirien verabschiedet hätte. Mutterschaft wird als ein öffentliches Gut wahrgenommen, jeder redet mit, jeder weiß es besser, nur nicht die Mutter selbst. Aber dafür hat sie nun einen Mutterinstinkt und darf sich ein hellblaues oder eine altrosa Bärchen aussuchen. Wobei ich nichts gegen Bären habe, selbst wenn sie hellblau oder altrosa sind. Wenn es um Probleme der Struktur des Arbeits- und Kunstmarktes geht, schweigen die meisten Bärenliebhaber. In Deutschland ist es Usus keine Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig einzustellen, da sie Kinder bekommen könnten. Vorsichthalber bezahlt man sie auch schlechter. Man weiß ja nie. Doch ja, es ist 2015: Nicht die Frauen haben sich schon wieder zu ändern, sondern ihre Arbeitsbedingungen. Diese sind öffentlich.

 

06-10-15

Im Moment genieße ich noch die letzten Sonnentage in Berlin und frage mich jeden Tag wann der Herbst in den Winter übergehen wird. Täglich wird es kälter, womit dies in Berlin in diesen Tagen durchaus auch die soziale Kälte miteinbezieht. Deutschland möchte nicht teilen, und schon gar nicht mit Neuankömmlingen. Dies wird ihnen und uns mittlerweile an jeder Straßenecke und Zeitungsschlagzeile vor die Augen geführt.

Umso mehr freue ich mich auf das bevorstehende Festival. Es ist eine wundervolle Gelegenheit viele Freunde wiederzusehen, neue zu finden, spannende Lesungen und Konzerte zu besuchen. Die Erwartungen sind natürlich sehr hoch, aber das ist etwas Gutes. Zumindest in diesem Fall ist es unwahrscheinlich, dass man enttäuscht wird. Ausgerechnet dieses Festival hat durchaus etwas von einer Klassenfahrt, viele Freunde, ausgezeichnete Lesungen und Bands, die ich schon immer sehen wollte und große teenagerhafte Vorfreude. Ja, ich kann es auch kaum erwarten wieder in die Niederlande zu reisen, im letztem Jahr hatte ich die Gelegenheit einen Monat lang im Amsterdam zu verbringen – auf die Einladung des Nederlands Letterenfonds – es war unglaublich. Einer der schönsten Frühlinge meines Lebens, einer in dem der Sommer noch bevorstand und noch besser zu werden versprach. Nicht nur die großartige Wohnung mitten in der Stadt, sondern auch die wundervolle Betreuung durch Orli Austen, meine Übersetzerin Josephine Rijnaarts und meinem niederländischen Verlag De Bezig Bij haben diesen Monat für mich zu einer einzigartigen Erlebnis gemacht. Es ist nur schade, dass es nach dem Wochenende schon wieder vorbei sein wird. Das Gute ist, dass wir alle satt erlebnisssatt zu unseren Heimen zurückkehren werden.

Obwohl es schon zu kalt ist, sitze auf meinem Balkon und schaue auf die Bäckerei „Teehaus Baku“. Mit Baku oder gar Aserbaidschan hat der Laden jedoch kaum etwas zu tun – er bietet ausschließlich türkische Backwaren, die von einem Lieferwagen mit der Aufschrift „Backservice Hass“ jeden Morgen um fünf geliefert wird, und die eine oder andere Bretzel an. Selbst die Brötchen kann man an der Hand abzählen. Als ich einmal nach Pachlava, der aserbaidschanischen Spezialität schlechthin fragte, schaute die Verkäuferin mich entgeistert an. Wahrscheinlich hat sie mich für eine unverbesserliche Optimistin gehalten. In Amsterdam gab es in einer ruhigen Nebenstraße von meiner  temporären Wohnung eine winzige Bäckerei, die nichts außer einer Art von Schokoladenkeksen herstellte, deren Geschmack unheimlich köstlich war. Auch die Bäckerei „Damaskus“ ein paar Häuser weiter von unserer Berliner Wohnung wurde zu einem privaten Wohnzimmer umfunktioniert, ohne dass jemand das auf die Süß- und Backwaren verweisende Schild abmontiert hätte. Ironischerweise könnten diese Referenzen nicht offensichtlicher sein – Baku, die Stadt meiner Kindheit, die noch existiert, aber nicht mehr so, wie ich sie kenne und Damaskus, die Stadt meines Mannes, die schon längst dicht gemacht wurde. In unserer Straße ist ohnehin vieles Fassade.

Meine Tochter, für die die Reise nach Den Haag die erste Reise ins Ausland überhaupt sein wird, wurde allerdings in diesem Stadtviertel geboren. Noch gibt es für sie keine Vergangenheit, die in einer anderen Sprache und auf einem anderen Kontinent stattgefunden hat. Das Gemüse hat immer ein wenig fad, eben wie das deutsche Gemüse es so an sich hat, geschmeckt und der auch der Himmel war meistens gräulich trüb. Sie wird sich nicht darüber wundern, dass das Bordell nebenan diskret um Kunden wird und das thailändische Massagestudio in ihrem Schaufenster vor allem darüber Auskunft, dass drinnen keine Erotik stattfinde. Viele Anwohner unseren Blocks sitzen abends vor einem rumänischen Delikatessenwarenladen auf der Straße, knacken Sonnenblumenkerne und erfreuen sich an sehr sauber gekleideten und ganz und gar entzückenden Kindern. Dazwischen rasen amerikanische Künstlerinnen auf Rennrändern zu ihren Projekten. Was wahrscheinlich die beste Art der Fortbewegung in dieser Stadt ist, nur habe ich leider ganz unniederländisch Angst vor Fahrradfahren in den Großstädten. Der Verkehr in unserer Straße wird von einem einzigen Verkehrsmittel dominiert, dem Bus M41. Dieser Bus ist die Höhle, er verkehrt äußerst unregelmäßig, ist dementsprechend natürlich auch immer überfüllt, hat die unmenschlichsten und unfreundlichsten Busfahrer der gesamten Republik und ein verzweifeltes Klientel. Doch schon bald werde ich in die M41 steigen, meinen Koffer zwischen die Knie anderer Fahrgäste klemmen und zum Flughafen fahren.