Ein Bekannter, der aus Berufsgründen jährlich mindestens drei Mal den Erdball umrundet, behauptet immer, das beste Orakel für den Verlauf einer Reise, sei die Ansage des Piloten. Er meinte, so wie alten Römer einst durch Zugvögel die Zukunft lasen, so könne der moderne Mensch anhand von Stimmlage und Wortwahl des Piloten prophetische Aussagen treffen. Auf meinem Flug nach Amsterdam war der Pilot jung, hübsch und überaus gut gelaunt. Als wir in den niederländischen Luftraum einflogen, wies er uns auf bevorstehende Turbulenzen hin – noch während er sprach, sakte das Flugzeug einige Meter tiefer, junge Mädchen schrieen auf, die alte Dame neben mir begann zu beten und unser Pilot juhuzte: „That’s the way, ahaha I like it, ahaha.“
Der Vielflieger-Bekannte würde nun wahrscheinlich sagen; es steht ein ereignisreiches Wochenende bevor.
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Als mich im Shuttle nach Den Haag eine mitreisende Amerikanerin fragte; „Are you a writer or are you a musician?“, da begann für mich das Festival. Im normalen Leben ist man Einkäufer oder Student, Straßenbahnpassagier oder Zeitungsleser, die Funktionen, die man tagsüber erfüllt, variieren oft von Stunde zu Stunde, doch auf Literaturfestivals fühlt man sich immer so ganz als Schriftsteller. Sich tagelang nur mit Literatur, Musik, etc. zu beschäftigen, das lässt einen die Welt herum vergessen. Und das ist ja das gute, sich wie bei den antiken Dionysien herauszunehmen aus dem Alltag und für eine gewisse Zeit nur den Musenkünsten zu widmen. Und wie heißt es bei Euripides’ Backchen so schön? „Selig, wer im hohen Glück, um der Götter Weihen weiß, wer sich – das Haupt mit Eppich bekränzt – ganz dem Dienst des Dionysos weiht!“
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In jenem Euripides-Zitat meint der Dienst des Dionysos natürlich das ihm zu Ehren veranstaltete, mehrtägige Theater-Fest, nicht zwangsläufig den Wein, der dazu konsumiert wurde, doch da die beiden Dinge zusammengehören, war auch unser erster offizieller Termin ein gemeinsamer Willkommens-Drink. Übersetzer und Autoren konnten einander kennenlernen, anstoßen, während bereits am frühen Abend laute, aber ganz großartige Musik aus den Boxen tönte und alle freudig plauderten. Ich war ja bereits auf einigen Literaturfestivals, doch noch nie hab ich so ein junges, freundliches Organisationsteam, so einen feschen Festivalleiter und so köstliches Bier erlebt. Es hat noch nicht einmal richtig begonnen und schon wollte ich nicht mehr von dort weg. Ein Gedanke, der sich auf dem Weg zum Abendessen nur verfestigte; vorbei an den wunderhübschen Häuschen, durch die schicken Gässchen und zauberhafte Kulisse Den Haags. „Selig wer im hohen Glück“, schallten die Eurpideischen Worte durch meinen Kopf, bis ich im Restaurant einen Blick auf meine Handtasche warf: angegackt von einem Papagei. Ich nehme alles zurück: Den Haag, Du und ich werden keine Freunde. Deine Vögel scheißen auf uns.
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Doch abseits dessen blieb der ganze Abend im Zeichen des Grenzen Überschreitens. Allerhand Sprachen schallten über den Tisch, während sich die Tafel unter der Last erlesenster indonesischer Köstlichkeiten beugte. Der Weißwein war kalt, das Hühnchen würzig, das Rindfleisch zart, die Fisolen in Kokosmilch hätten eine eigene Elegie verdient. Doch bevor ich ins Schwärmen über die indonesische Küche abgleite, muss ich über das eigentlich Großartige schwärmen; das Kennenlernen meiner beiden Übersetzerinnen Mara und Elli. Wenn ich aus dem Altgriechischen übersetze, bastle ich stets meinen ‚eigenen‘ Text, doch Elli und Mara sind wirklich großartige Übersetzerinnen, denn ihnen geht es darum, den Text in bestmöglichster Art ins Englische/Niederländische hinüberzusetzen, so dass seine eigene Anmut und Besonderheit in einer anderen Sprache wirkt. Etwas beschämend war natürlich, dass beide nicht nur schriftlich sondern auch gesprochen besser Deutsch beherrschen als ich, Elli mit perfektem Berliner Akzent, Mara gepflegtes Hochdeutsch, und so fühl ich mich als das Glückskind dieser Veranstaltung; denn meine fehlerhaften, deutschen Texte werden aufpoliert auch in Ellis tollem Englisch und Maras genialem Niederländisch zu lesen sein.