Lana Lux
22-10-2018

Es ist eine laue Sommernacht. Zusammen mit K. stehe ich vor der Laika Bar in Neukölln, einen Weißwein in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Noch vor wenigen Tagen war ich in Amsterdam gewesen. Fünf Tage, drei davon voll mit Presseterminen und zwei privat um die Stadt zu genießen, an den Grachten zu schlendern, 2nd-Hands zu durchstöbern und einen guten Joint zu rauchen.

„Ich liebe diese Stadt; ihre Atmosphäre inspiriert mich sehr“, sage ich zu K.

„Ich auch“, antwortet sie. „Wir sollten zusammen hinfahren.“ Sie zieht an ihrer Zigarette, pustet den Rauch aus und schaut mich erwartungsvoll an.

„Ja, das machen wir“, sage ich, noch bevor sich die Rauchwolke in der Nacht aufgelöst hatte.

Wenige Tage später sitze ich auf dem Balkon und gleiche mit K. die Termine der nächsten Wochen ab. Wir einigen uns auf Mitte Oktober. Oktober, das ist erst im Herbst, denke ich. Es scheint mir in weiter Ferne zu liegen, denn jetzt ist es Sommer und der Sommer schafft es immer wieder, mir die Illusion zu geben, er würde für immer bleiben.

Einige Wochen vergehen bis K. mich anruft und fragt ob wir nicht lieber woanders hinfahren sollten. Schließlich waren wir beide bereits mehrmals in Amsterdam und es wäre vielleicht spannender etwas Neues zu entdecken.

„Wie wäre es mit Kiew?“, frage ich. Für kaum ein anderes Reisepaar wäre die Stadt so geeignet wie für K. und mich. Wir sind beide in der Ukraine geboren und wir haben beide den Bezug zu unserem Geburtsland fast vollständig verloren. Vielleicht ist Verloren nicht das richtige Wort, denn in Wahrheit haben wir den Bezug zu diesem Land zusammen mit unserer ursprünglichen Kultur und noch ein paar anderen “Kleinigkeiten” abgegeben. An wem ist nicht so ganz klar. Was klar ist, ist, dass wir seitdem voller Stolz einen „Integriert“-Stempel auf unserer Stirn tragen.

„Nein“, sagt K. „lieber nicht. Kiew wird mir vielleicht zu viel sein. Es könnte mir zu nahe gehen, zu unberechenbar in seiner Wirkung sein. Wie wäre es stattdessen mit Wahrschau?“

„Warschau klingt auch gut“, sage ich und bedenke nicht, dass gerade Warschau für mich als Jüdin zu viel, zu nah und zu unberechenbar sein könnte.

Es ist der fünfzehnte Oktober, als wir uns um die Mittagszeit am Gleis 12 treffen. Wir haben noch genügend Zeit einen Kaffee zu trinken, bevor unser Zug abfährt.

Wir fahren erste Klasse in einem EC, der uns soviel Beinfreiheit gewährt, dass unsere Füße die Fußstützen nicht erreichen können. Außerdem werden wir am Platz bedient und so bestellen wir Pellkartoffeln mit Salat. Die Kartoffeln werden uns mit Butter uns viel Dill serviert. Dill riecht für mich irgendwie nach Kindheit und nach Ukraine. Warum servieren sie Dill? Dill passt überhaupt nicht zu Deutschland. Doch da wird mir klar, dass wir die Grenze nach Polen längst passiert haben und der Zug samt seiner Besatzung ein polnischer ist. Wie schön dass nur der Dill die Grenze zwischen den beiden Ländern markierte, keine Grenzkontrollen, keine Wachposten.

Wir erreichen die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit. Ist das Warschau? Überall riesige Leuchtreklame, LED-Bildschirme und Wolkenkratzer. So habe ich mich diese Stadt nicht vorgestellt. Die Räder unser Koffer rattern laut auf dem Bürgersteig, während wir zu unserer Unterkunft laufen.

Ich mag es sehr nachts in einer Stadt anzukommen. Im Schutz der Dunkelheit dürfen die Räder meines Koffers laut rattern und meine Augen vor Neugierde weit aufgerissen sein, ohne dass ich befürchten muss von jemandem als eine nervige Touristin gesehen und mit einem verachtenden Blick gestraft zu werden.

Bei den Menschen ist es wie bei den Hühnern. Soll ein neues Huhn im Stall integriert werden, muss es in der Nacht zu den anderen gesetzt werden. Wenn die Hühner morgens wach werden, denken sie, das neue Huhn sei schon immer da gewesen. Setzt man das neue Tier stattdessen tagsüber rein, so wird auf ihm rumgehackt.

Ich bin immer darauf bedacht, so zu wirken, als wäre ich schon immer da gewesen, egal wo ich bin. Manchmal gelingt es mir so gut, dass ich von Einheimischen nach dem Weg gefragt werde und meine Tarnung dabei auffliegt.

 

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19-11-18

Ich sitze mit Joyce und ihrer Mentorin Josephine in der Küche des Übersetzerhauses in Amsterdam, in dem ich nun seit zwei Wochen lebe und schreibe. In zwei Tagen werde ich wieder in Berlin sein, aber heute bin ich noch hier, mache Rooibos-Tee für uns und lenke die beiden von ihrer Arbeit ab. Wir reden und scherzen und kommen vom Smalltalk zu immer ernsthafteren Themen. Dann erzähle ich den beiden von meinem Nur heuteNur heute ist ein Denkansatz, den ich vor fast zehn Jahren in einer tiefen Krise entwickelt hatte und der mich seit damals durch alle möglichen Lebenslagen begleitet hat.

Nur heute ist eine Antipode zu ab morgen. (Ab morgen ist nach Belieben mit ab Montag, ab nächstem Monat oder ab dem neuen Jahr zu ersetzten.) Jeder von uns hat schon mal versucht eine unliebsame und destruktive Angewohnheit loszuwerden, oder eine neue und gute Angewohnheit ins Leben zu integrieren. Meistens suchen wir uns einen Moment in der Zukunft, ab dem dann das bessere, gesündere, produktivere Leben beginnen soll.

Für mich hatte es nie geklappt. Wollte ich zum Beispiel meine Koffeinsucht überwinden (um eines der trivialsten meiner Laster zu nennen), so hat der Vorsatz, ab Morgen oder ab nächster Woche den Konsum einzustellen, einen solchen Druck in mir verursacht, dass ich umso mehr Kaffee getrunken habe. Denn bevor ich dem Kaffee auf immer und ewig entsagen würde, wollte ich ihn noch einmal “richtig“ genießen. Wenn das festgelegte morgen dann eintraf, hatte ich schon ab nachmittags sehr viele Gründe dafür, diesen Schritt doch noch nicht heute, sondern frühestens morgen wagen zu können, um dann wirklich und diesmal ganz endgültig damit aufzuhören. Doch morgen würde es genauso sein und immer so weiter. Damals, in meiner Krise ging es um einiges mehr als den Kaffee und die Veränderung fiel mir umso schwerer.

Irgendwann vollzog sich jedoch eine Umkehrung in meiner Denkweise und ich beschloss, dass es nicht um das Morgen geht, an das ich meine großen Erwartungen knüpfen sollte, sondern lieber versuchen möchte, eine kleine Erfahrung jetzt und heute zu machen . Also sagte ich nicht mehr ab morgen und für immer trinke ich keinen Kaffee mehr, sondern nur heute trinke ich keinen Kaffee. Nur heute einen Tag durchhalten und ab morgen kehre ich zu meiner ungesunden Lebensweise zurück. Es klappte erstaunlich gut. An jedem nächsten Tag konnte ich meine schlechte Angewohnheit fortsetzen, ohne das Gefühl des Scheiterns verspüren zu müssen. Oder ich konnte das Spiel wiederholen und ein neues nur heute wagen. Das tat ich auch, ich sagte mir, das kannst du heute nochmal und ab morgen trinkst du wieder deinen Kaffee. Irgendwann reihten sich die Tage der Abstinenz aneinander, das Verlangen nach Kaffee nahm ab und das neue Verhalten wurde zur Gewohnheit.

Ich wende dieses Prinzip auf fast alle Bereiche meines Leben an. Ich erstelle keine Pläne für die Zukunft und habe keine Vorsätze mehr, sondern versuche nur heute das zu tun, von dem ich denke, es sei gut für mich.

Und das klappt immer, fragt Josephine. Nein, sagte ich, natürlich habe ich auch Tage an denen nichts klappt, ich nichts schaffe, ich definitiv nicht die beste Version meiner Selbst bin und keine Kraft für das nur heute Spiel habe. Aber die gehören dazu und sie gehen vorbei.

Joyce macht ein nachdenkliches Gesicht während sie mir zuhört und Josephine, die mit dem Bleistift in der Hand lebt und denkt, schreibt irgendwas auf und sagt dann, Nur heutealleen vandaag, das ist ins Holländische nicht gut zu übersetzen. Das passt mit den Silben nicht, es hört sich einfach nicht gut an.

Stimmt, denke ich, es hört sich irgendwie breiter an. Aber vielleicht ist das nicht so wichtig, denn wichtig ist, ob es funktioniert.

05-11-18

My very personal crossing border.

Du musst ein braves Kind werden, sagten sie mir. Du musst unsere Grenzen kennen. Du muss wissen wo die Grenze ist. Und zwar hier. Das ist sie. Das ist die Grenze. Du weißt nie, wo die Grenze ist.

Deine Zeit ist begrenzt, sagten sie mir. Du muss die Grenzen des Alters kennen. Du muss wissen, wann es zu spät ist. Und zwar jetzt. Das ist die Grenze. Du bist zu alt, du bist schon zehn Jahre!
Du weißt nie, wo die Grenze ist.

Unser Platz ist begrenzt, sagten sie mir. Die Dinge wirst du nicht brauchen. Hinter der Grenze sind die Möglichkeiten grenzenlos. Warte ab, bis wir hinter der Grenze sind. Warte ab.

Du kannst nicht alles wollen, sagten sie mir. Du musst deinen Wünschen eine Grenze setzen. Du musst das Richtige wollen. Wir wissen was das Richtige ist. Hör zu! Das Richtige liegt in den Grenzen des Realistischen. Bleibe realistisch. Erkenne die Grenzen des Möglichen. Du weißt nie, wo die Grenze ist.

Wir sind bald an der Grenze, sagten sie mir. Da ist sie schon. Siehst du? Dort wo die Lichter sind und die Männer in Uniform. Sei leise an der Grenze und höflich. Keine Witze an der Grenze. Sonst können wir nicht über die Grenze kommen. Sonst schöpfen sie verdacht und finden das Geld, das in deine Unterhose eingenäht ist.

Das war die Grenze, jetzt weißt du wo die Grenze ist. Hier war sie. Halb so schlimm oder? Das Geld noch da. Wir sind hinter der Grenze und vor der Grenze. Der nächsten Grenze. Die nächste Grenze ist easy.

Hier bei uns haben wir keine Grenzen, jeder kann alles, sagten sie mir. Außer du, weil du bist nicht wir, und nicht jeder, und nicht von hier. Denn du bist von hinter der Grenze, und das ist die Grenze für alles. Das ist die Grenze deiner Möglichkeiten und das ist doch OK, für dich, sogar gut, denn es ist besser als hinter der Grenze. Du weißt noch, wo die Grenze ist, oder?

Sie müssen lernen Ihre Grenzen zu definieren, sagten sie mir. Sie müssen erspüren wo Ihre Grenzen liegen und sie definieren und sie mitteilen und sie verteidigen. Auf ihnen bestehen. Wissen Sie wo Ihre Grenzen sind?

Du musst deine Grenzen erweitern, sagte ich mir. Du musst sie ausdehnen, zu allen Seiten, immer mehr, dehnen, strecken, drücken, bis sie dünn werden, bis sie reißen. Bis es keine Grenzen gibt, bis du alles bist, bis alles du bist.

Ich bin grenzenlos, sagte ich ihnen, ich lasse mich nicht mit Grenzen beschränken. Ich habe meine Grenzen ausgedehnt, als Ihr geschlafen habt und als Ihr wach wart und als Ihr Eure Grenzen ausgebaut habt und als Ihr über eure Grenzen debattiert und als ihr sie gesichert und als ihr sie überwacht habt, habe ich meine Grenzen gedehnt zu allen Seiten, solange bis sie dünn wurden, bis sie rissen.
Ihr habt nicht aufgepasst und nun bin ich grenzenlos. Ich habe mich über alles erstreckt, auch über Euch und Eure Grenzen. Ich bin Alles und Alles ist ich und Ihr seid ich und ich bin Ihr und wir sind grenzenlos.

Du weißt nicht wo die Grenzen sind, sagen sie und ich lache.

03-11-18

Es gibt Zeiten, in denen ich extrovertiert und auch Zeiten, in denen ich introvertiert bin. Wenn ich viel Glück habe, deckt es sich mit den Anforderungen, welche die Welt an mich stellt. Zur Zeit habe ich wenig Glück in dieser Sache, denn ich befinde mich ganz eindeutig in der introvertierten Phase, mitten auf einem Festival, dessen Sinn und Zweck der Austausch, die Aufnahme fremder Gedanken und Energie und das Mitteilen der eigenen ist.

Um 15 Uhr ist The Addict. Die Veranstaltung beinhaltet die Performance einiger Autoren und ist ansonsten ein Forum der internationalen Literaturszene. Es ist also 15 Uhr, ich befinde mich in dem falschen Modus und es gibt Weißwein. Ja, um 15 Uhr! Ich nehme mir einen, in der Hoffnung etwas extrovertierter zu werden. Dann noch einen und noch einen und dann ist es schon 18 Uhr, die Zeit für unser Chronicles-Dinner. Wie war die Performance? Mit wem habe ich in der Zeit gesprochen? Ich erinnere mich nicht an alles. Ich bin müde, unendlich müde. Ich brauche Rückzug, bevor mein Kopf implodiert.

Es ist 20 Uhr. Ich gehe zurück ins Hotelzimmer, ziehe meine Kleidung, zusammen mit dem ihr anhaftenden Tag aus und steige unter die Dusche. Das Wasserrauschen übertönt den Lärm in meinem Kopf, übertönt das viele Lachen, die vielen Fragen, meine Gedanken. Ich trockne mich ab, entferne die verlaufene Wimperntusche unter meinen Augen. Die Müdigkeit ist ganz klar am Steuer meines Körpers und diktiert mir den Weg ins Bett. Nur eine Stunde, sage ich, während sie mich auf die Matratze niederdrückt. Nur eine Stunde, oder maximal zwei. Dann werde ich zu dem Festival zurückgehen. Zumindest zu der Afterparty. Unbedingt!

Die Müdigkeit legt beide Hände auf meine Augen. Ich spüre wie mein Bewusstsein sich von meinem Körper trennt. Wie gut ich diesen Zustand auch kennen mag, er bleibt für immer mit einem Widerstand und einer Furcht verbunden. Mein Bewusstsein entfernt sich immer weiter und weiter. Nur ein ganz zarter Faden verbindet es mit meinem Körper. An diesem Faden werde ich mich später in ihn zurückfinden und aufwachen.

Als Kind hatte ich mich fast immer geweigert schlafen zu gehen und selbst heute wehrt sich mein inneres Kind dagegen. Damals hatte ich jedoch wirklich Angst vor dem Schlafen, denn Schlafen fühlte sich für mich schon immer wie Sterben an. Dem Schlaf zu begegnen, ist etwas Unfassbares, Unkontrollierbares. Wir überlassen unseren Körper der Welt, ohne ihn bei Gefahr beschützen zu können. Zu Schlafen heißt loszulassen und zu vertrauen. Viele Jahre später las ich in der griechischen Mythologie von Nyx, der aus dem Chaos entstandenen Nachtgöttin, und ihren Kindern, den Zwillingsbrüdern Schlaf und Tod, und begriff, dass hinter meiner persönlichen Wahrnehmung auch etwas Universelles verborgen sein muss.

Wir verbringen viele Jahre unseres Lebens im Schlaf und davon einen großen Teil in der Traumwelt. Ich erlebe die meisten meiner Träume sehr bewusst und es fühlt sich an, als würde ich in zwei parat existierenden Welten leben, der Real- und der Traumwelt. Aber was ist schon real? Schließlich gibt es für die Existenz unserer materiellen Welt nach wie vor keinen physikalischen Beweis. Existiert alles nur in unserem Bewusstsein? Ist real nur was sich real anfühlt?

In der „Traumwelt“ war mein Bewusstsein auf der Party. In der „Realwelt“ blieb mein Körper im Bett. War ich nun auf der Party oder nicht?

02-11-18

Den Haag, November, Sonne, Regen, Sonne. Ich schaue mich um, komme nicht weit. Regen. Auf einem Straßenschild entdecke ich einen kleinen Storch, ich mache ein Foto und füge es meiner Instagramstory hinzu. Ich gehe weiter, wieder ein Straßenschild, wieder der Storch. Ist das Street-Art? Bei uns in Berlin sieht man häufig kleine Korkmännchen auf Straßenschildern. Sie heißen Street Yogi und sind Werke des Yoga-Trainers Josef Foos. Der Storch ist jedoch nicht aus Weinkorken und einem Schaschlikspieß gefertigt, sondern aus Messing.

Ich checke im Hotel ein. Der Mann an der Rezeption begrüßt mich überschwänglich und spult seine Willkomensrede, inklusive der Essenszeiten und anderer Bestimmungen, runter. Alles auf Niederländisch. Ich verstehe es nicht, aber ich lächle und nicke und nehme meine Karte entgegen. Ich kann mir denken, was er sagt, denn die Ansagen in hübschen, teuren Hotels unterscheiden sich kaum voneinander. Ich sage „Dank je wel“ und fahre mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock um den Rest des Tages zu verschlafen, in der Nacht ein wenig zu lesen, und dann weiter bis zum Mittag des nächsten Tages zu schlafen.

Crossing Border, Autor*innen aus aller Welt. Heute lässt sich der Aus-Aller-Welt-Effekt sehr leicht maximieren in dem Autor*innen eingeladen werden, die direkt mehr als eine Welt mitbringen. Wir treffen uns in der Lobby. Der Moment des ersten Eindrucks. Die meisten von uns sind offensichtlich von wo anders als von wo sie kommen. Wurzeln wird das genannt. Oder Vergangenheit. Oder Rassismus, denn was spielt es für eine Rolle? Dennoch fragen wir uns das. Wo kommst du her? Was meint die Frage? Welches Wo? Es gibt so viele. Ich sage Berlin. Weil es stimmt und weil ich es gerne sage. Es sagt was Gutes über mich aus. Es sagt, dass ich urban bin und den Aus-Aller-Welt-Effekt auf der Nasenspitze trage. Später am Abend wird das Wo vertieft. Es wird kombiniert mit wie-lange-schon und wo-vorher. Jede neue Begegnung ist eine Reise in die Vergangenheit, ob ich es will oder nicht. Und du? Ich frage nur aus Rache. Mich interessiert es nicht. Mich interessiert was die Leute essen. Das sagt viel mehr über sie als Menschen aus, als der Ort wo sie herkommen. Mich interessiert auch wohin die Leute gehen wollen und warum. Das warum ist immer das interessanteste.

Warum steht da ein Storch auf den Straßenschildern? Es ist ein Wahrzeichen. Und warum? Schulterzucken. Ich frage Google: Storch, Den Haag? Google: Schulterzucken. Wappentier halt. Wahrzeichen. Viele Gemeinden haben Storch als Wahrzeichen. Warum, frage ich Google. Google weiß es nicht, gibt es aber nicht zu und erklärt mir stattdessen in welcher Form Störche auf Wappen dargestellt werden können. Zum Bespiel, auf einem Bein, mit einem Frosch oder Schlüssel im Schnabel. Warum, Google, warum? Naja, sagt Google, so allgemein steht es für Wohlstand, Gesundheit und Verschwiegenheit. Verstehe. Vielleicht hat gerade die letzte Tugend dafür gesorgt, dass ich keine Geschichte zu dem Storch finden kann. Google versucht mich abzulenken, ihr ist es unangenehm irgendetwas nicht zu wissen und sie würde es auch nie zugeben. Störche sind auch Boten des Frühlings, wusstest du das? Nein, sage ich, aber sind nicht alle Zugvögel boten des Frühlings wen sie zurückkehren? Ob sie dann auch gefragt werden woher sie kommen? Den ganzen Frühling lang und den ganzen Sommer lang, solange bis sie genug davon haben und wieder wegfliegen?

22-10-18

Es ist eine laue Sommernacht. Zusammen mit K. stehe ich vor der Laika Bar in Neukölln, einen Weißwein in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand. Noch vor wenigen Tagen war ich in Amsterdam gewesen. Fünf Tage, drei davon voll mit Presseterminen und zwei privat um die Stadt zu genießen, an den Grachten zu schlendern, 2nd-Hands zu durchstöbern und einen guten Joint zu rauchen.

„Ich liebe diese Stadt; ihre Atmosphäre inspiriert mich sehr“, sage ich zu K.

„Ich auch“, antwortet sie. „Wir sollten zusammen hinfahren.“ Sie zieht an ihrer Zigarette, pustet den Rauch aus und schaut mich erwartungsvoll an.

„Ja, das machen wir“, sage ich, noch bevor sich die Rauchwolke in der Nacht aufgelöst hatte.

Wenige Tage später sitze ich auf dem Balkon und gleiche mit K. die Termine der nächsten Wochen ab. Wir einigen uns auf Mitte Oktober. Oktober, das ist erst im Herbst, denke ich. Es scheint mir in weiter Ferne zu liegen, denn jetzt ist es Sommer und der Sommer schafft es immer wieder, mir die Illusion zu geben, er würde für immer bleiben.

Einige Wochen vergehen bis K. mich anruft und fragt ob wir nicht lieber woanders hinfahren sollten. Schließlich waren wir beide bereits mehrmals in Amsterdam und es wäre vielleicht spannender etwas Neues zu entdecken.

„Wie wäre es mit Kiew?“, frage ich. Für kaum ein anderes Reisepaar wäre die Stadt so geeignet wie für K. und mich. Wir sind beide in der Ukraine geboren und wir haben beide den Bezug zu unserem Geburtsland fast vollständig verloren. Vielleicht ist Verloren nicht das richtige Wort, denn in Wahrheit haben wir den Bezug zu diesem Land zusammen mit unserer ursprünglichen Kultur und noch ein paar anderen “Kleinigkeiten” abgegeben. An wem ist nicht so ganz klar. Was klar ist, ist, dass wir seitdem voller Stolz einen „Integriert“-Stempel auf unserer Stirn tragen.

„Nein“, sagt K. „lieber nicht. Kiew wird mir vielleicht zu viel sein. Es könnte mir zu nahe gehen, zu unberechenbar in seiner Wirkung sein. Wie wäre es stattdessen mit Wahrschau?“

„Warschau klingt auch gut“, sage ich und bedenke nicht, dass gerade Warschau für mich als Jüdin zu viel, zu nah und zu unberechenbar sein könnte.

Es ist der fünfzehnte Oktober, als wir uns um die Mittagszeit am Gleis 12 treffen. Wir haben noch genügend Zeit einen Kaffee zu trinken, bevor unser Zug abfährt.

Wir fahren erste Klasse in einem EC, der uns soviel Beinfreiheit gewährt, dass unsere Füße die Fußstützen nicht erreichen können. Außerdem werden wir am Platz bedient und so bestellen wir Pellkartoffeln mit Salat. Die Kartoffeln werden uns mit Butter uns viel Dill serviert. Dill riecht für mich irgendwie nach Kindheit und nach Ukraine. Warum servieren sie Dill? Dill passt überhaupt nicht zu Deutschland. Doch da wird mir klar, dass wir die Grenze nach Polen längst passiert haben und der Zug samt seiner Besatzung ein polnischer ist. Wie schön dass nur der Dill die Grenze zwischen den beiden Ländern markierte, keine Grenzkontrollen, keine Wachposten.

Wir erreichen die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit. Ist das Warschau? Überall riesige Leuchtreklame, LED-Bildschirme und Wolkenkratzer. So habe ich mich diese Stadt nicht vorgestellt. Die Räder unser Koffer rattern laut auf dem Bürgersteig, während wir zu unserer Unterkunft laufen.

Ich mag es sehr nachts in einer Stadt anzukommen. Im Schutz der Dunkelheit dürfen die Räder meines Koffers laut rattern und meine Augen vor Neugierde weit aufgerissen sein, ohne dass ich befürchten muss von jemandem als eine nervige Touristin gesehen und mit einem verachtenden Blick gestraft zu werden.

Bei den Menschen ist es wie bei den Hühnern. Soll ein neues Huhn im Stall integriert werden, muss es in der Nacht zu den anderen gesetzt werden. Wenn die Hühner morgens wach werden, denken sie, das neue Huhn sei schon immer da gewesen. Setzt man das neue Tier stattdessen tagsüber rein, so wird auf ihm rumgehackt.

Ich bin immer darauf bedacht, so zu wirken, als wäre ich schon immer da gewesen, egal wo ich bin. Manchmal gelingt es mir so gut, dass ich von Einheimischen nach dem Weg gefragt werde und meine Tarnung dabei auffliegt.