Als ich in der Tür stehen bleibe, ist das Gespräch schon in vollem Gange. Ein Mann, Ross Raisin, erzählt von einem Trainer – das schließe ich daraus, dass kurze Zeit später über die Fußballkultur gesprochen wird – der Jungen draußen stehen lässt, ihnen befiehlt, sich auszuziehen und sie mit einem Schlauch abspritzt, mit kaltem Wasser, während sie rufen müssen: Ich fürchte mich nicht, ich schäme mich nicht. Raisin behauptet, der Trainer wolle die Jungen eigentlich dazu bringen, sich von ihren Emotionen zu distanzieren, zu befreien. Er wolle „broken people“ erschaffen.
Es finden also die ganze Zeit über solche Gespräche statt, denke ich kurz. Menschen reden ständig an Orten miteinander, an denen man selbst nicht ist.
Ich möchte nicht zu lange zuhören, möchte wahrscheinlich nicht ankommen, lieber ein Passant bleiben, der gerade genug aufschnappt, um zu ahnen, worüber gesprochen wird.
(Man muss darauf achten, wie schnell man genug hat, genug empfangen hat, um damit etwas anfangen zu können. Einige Sätze, eine Szene. In einem halben Jahr werden mir die Worte „broken people“ wieder einfallen und dann werden sie nicht mehr so klingen, als würden sie aus einem wehmütigen Popsong stammen. Stattdessen tauchen dann Jungen vor meinem inneren Auge auf, die rufen müssen, dass sie vor nichts Angst haben. Warum ist das schlimm? Was macht Angst mit einem? Vielleicht sorgt sie dafür, dass man die Welt im Blick behält und man darauf vorbereitet ist, dass unerwartete Dinge geschehen – und vielleicht sieht man diese Dinge auch nur, wenn man ständig ein klein wenig Angst hat.)
Ich habe mein Festivalbändchen nicht ganz festgezurrt, damit ich es noch abnehmen kann. Die Tage haben dadurch etwas Katholisches an sich, weil ich es jetzt immer halb-bewusst zwischen Daumen und Zeigefinger gleiten lasse, so wie Gläubige einen Rosenkranz (so stelle ich es mir jedenfalls vor). Während ich von einem Veranstaltungsort zum anderen wechsle, komme ich mir ein bisschen wie ein Pilger vor. (Das ist jemand, der auf der Suche ist, aber nicht weiß, wonach, und deshalb eine Reiseroute plant, damit sich wenigstens die Umgebung ständig verändert – vielleicht ergibt sich etwas).
Ich lande im The Grey Space in the Middle, wo gerade ein Programm über Comics, Cartoons und Graphic Novels präsentiert wird (der Moderator scheint auf den Zeitplan zu pfeifen, wahrscheinlich zu Recht, es gibt viel zu sehen, viel zu fragen). Ich höre mir eine kurze Geschichte über das Zeichnen von Comics an, über die Anfänge, als die Zeitungen selbst keine Ahnung hatten, was sie eigentlich von den Zeichnern wollten, wodurch die unterschiedlichsten Stile entstehen konnten.
Ich kaufe mir schließlich ein großes, enzyklopädisches Bilderbuch. Es wurde von Floortje Zwigtman geschrieben und von Ludwig Volbeda illustriert und ist voller Fabeltiere (jeder sollte „Kinder“-Bücher kaufen, ihr wisst nicht, was ihr verpasst). Hinten im Buch befindet sich eine Art Disclaimer:
“Ein Fabeltier hat oft mehrere Namen. Die einen nennen es vielleicht „Wopperdraf“, die anderen „Drafwopper“. In manchen Ländern hat es drei Beine und Stielaugen, in anderen hat es sechs Beine und ist blind. Mit der Zeit mag sich der Ruf des Fabeltiers ändern. Wurde der Wolf in der Urzeit noch als starkes und tapferes Tier angesehen, wurde er in unseren Märchen später zum „großen bösen Wolf“. Ein Fabeltier kann also mehrere Namen haben und sieht immer anders aus. Und so ist es auch mit den Fabeltieren in diesem Buch. Vielleicht bist du schon mal einem niedlichen Drachen begegnet, oder einem Mamu, das überzeugter Vegetarier ist.“
Meiner Meinung nach gilt das nicht nur für Fabeltiere, sondern auch für Ereignisse, die jedes Mal, wenn man sich an sie erinnert, andere Formen annehmen. Und für Freunde, die dann, wenn sie die Eltern besuchen, vielleicht eine ganz andere Persönlichkeit annehmen. Für Orte möglicherweise auch, wenn man sie an unterschiedlichen Tagen besucht und es das eine Mal regnet, und das andere Mal nicht. Vielleicht auch für Geschichten, die bei jedem erneuten Lesen eine neue Stimme zu bekommen scheinen.
(Womöglich auch für Festivaltage, die mit ihrem Körper für jeden Besucher eine andere Verrenkung machen, wie eine mythische Schlange – die sich für jeden Besucher anders durch die Stadt windet, eine andere Route absteckt. Eine Route entlang einer mythischen Schlange, damit man immer ein bisschen Angst haben kann.)